InspirationKanon

Fortschreitende Offenbarung ist die Lehre, dass Gottes Selbstmitteilung an die Menschheit sich über Jahrhunderte hinweg allmählich entfaltete, auf vielerlei Weise, ihren Höhepunkt in Jesus Christus erreichte und vollständig in der abgeschlossenen Heiligen Schrift niedergelegt wurde. Die einleitenden Worte des Westminster Bekenntnisses — »zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weise« — sind direkt Hebräer 1,1-2 entnommen: »Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.« ^[raw/en/wcf-ch01-s01.md]

Das Muster der fortschreitenden Offenbarung

Der Verfasser des Hebräerbriefs stellt zwei Zeitalter gegenüber. In der Vergangenheit redete Gott in vielen Teilen und auf viele Weisen — durch Propheten, Priester, Könige, Visionen, Träume, Vorbilder und Schatten. Jedes war ein wahres Wort Gottes, doch keines war vollständig. Sie glichen Mosaiksteinen, die erst dann verständlich werden, wenn man das ganze Bild sieht.

Das Bekenntnis beschreibt dies so, dass Gott sich »zu verschiedenen Zeiten« (griechisch polumeros — in vielen Teilen) und »auf verschiedene Weise« (griechisch polutropos — auf vielerlei Weise) offenbarte. Dies würdigt sowohl die Vielfalt der von Gott gebrauchten Mittel als auch den schrittweisen Charakter seiner Offenbarung. Abraham empfing Verheißungen, Mose empfing das Gesetz, David empfing Bundesverheißungen, Jesaja empfing Visionen der Herrlichkeit — jede Offenbarung wahr, jede unvollständig, jede weist voraus auf etwas Größeres. ^[raw/en/wcf-ch01-s01.md]

Der Höhepunkt in Christus

In Christus hat Gott sein endgĂĽltiges und vollkommenes Wort gesprochen. Christus ist nicht bloĂź ein weiterer Prophet in einer langen Reihe; er ist der Sohn selbst, der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das genaue Ebenbild seines Wesens. Ihn abzulehnen bedeutet, nicht nur einen Boten, sondern die Botschaft selbst abzulehnen.

Das Bekenntnis lehrt, dass nachdem Gott seine Offenbarung schriftlich niedergelegt hat, »jene früheren Weisen, seinen Willen seinem Volk zu offenbaren, nun aufgehört haben«. Der Kanon ist abgeschlossen, die Offenbarung ist vollendet, und das Werk des Geistes besteht heute nicht darin, neue Offenbarungen zu geben, sondern die bereits gegebene Offenbarung zu erleuchten. ^[raw/en/wcf-ch01-s01.md]

Die schriftliche Niederlegung

Gott legte seine Offenbarung aus bestimmten Gründen schriftlich nieder: »zur besseren Bewahrung und Verbreitung der Wahrheit und zur festeren Gründung und zum Trost der Kirche wider das Verderben des Fleisches und die Bosheit Satans und der Welt.« ^[raw/en/wcf-ch01-s01.md]

Thomas Vincent erklärt, warum die Niederschrift notwendig war: »Wäre das den heiligen Männern vor so vielen Jahrhunderten geoffenbarte Wort allein dem Gedächtnis der Menschen anvertraut worden, um es durch mündliche Überlieferung von einer Generation zur nächsten weiterzugeben — so wären doch, da das Gedächtnis der Menschen schwach und unzuverlässig ist, aller Wahrscheinlichkeit nach viele Wahrheiten inzwischen verloren gegangen.«

Dieser fortschreitende Charakter der Offenbarung untermauert den Kanon. Der canon-of-scripture|Kanon wuchs im Laufe der Zeit, als Gott neue Offenbarungen hinzufügte, doch er ist nun abgeschlossen. Wie A. A. Hodge bemerkt, ist das Wort »nun« im Bekenntnis (»sind nun alle Bücher enthalten«) bedeutsam — der Kanon war nicht immer vollständig, ist es aber nun.

Die Lehre der fortschreitenden Offenbarung prägt auch das Verständnis davon, scripture-interprets-scripture|wie die Schrift die Schrift auslegt: Frühere Offenbarung muss im Licht der späteren verstanden werden, und die klareren Stellen erhellen die dunkleren — wobei Christus der Auslegungsschlüssel für das Ganze ist.

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