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Der Kanon der Schrift: Die Bücher des Alten und Neuen Testaments

Kap.1: Von der Heiligen Schrift — Abschnitt 2 • 2026-05-08 • 31 Min.

Das Bekenntnis

Unter dem Namen Heilige Schrift oder Gottes Wort geschrieben werden nun alle Bücher des Alten und Neuen Testaments zusammengefasst, welche sind: Vom Alten Testament: die fünf Bücher Mose, Josua, Richter, Ruth, das erste und zweite Buch Samuel, das erste und zweite Buch der Könige, das erste und zweite Buch der Chronik, Esra, Nehemia, Esther, Hiob, Psalmen, Sprüche, Prediger, Hohelied, Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Hesekiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja, Maleachi. Vom Neuen Testament: die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, die Apostelgeschichte, die Briefe des Paulus an die Römer, Korinther I und II, Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, Thessalonicher I und II, an Timotheus I und II, an Titus, an Philemon, der Brief an die Hebräer, der Brief des Jakobus, die beiden Briefe des Petrus, die drei Briefe des Johannes, der Brief des Judas, die Offenbarung des Johannes. Alle sind von Gott eingegeben und sind die Regel des Glaubens und Lebens.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 1, Abschnitt 2

Einleitung: Der Kanon der Schrift

Welche Bücher gehören in die Bibel? Diese Frage klingt einfach — sie ist es aber nicht. Sie stand im Zentrum der Reformation, sie spaltete die Konzilien, und sie entscheidet bis heute darüber, worauf wir unseren Glauben gründen. Denn es nützt nichts zu sagen, die Heilige Schrift sei Gottes Wort, wenn wir nicht wissen, welche Bücher dieses heilige Wort ausmachen. In Zürich, im Jahr 1523, stand Huldrych Zwingli vor dem Rat der Stadt und verteidigte die neue reformatorische Lehre. Seine Gegner warfen ihm vor, er stelle sich über die Kirche und ihre Tradition. Zwingli antwortete mit einem einfachen Grundsatz: Allein die kanonischen Schriften sind die Richtschnur. Was nicht in diesen Büchern steht, bindet das Gewissen nicht. Der junge Reformator hatte schon Jahre zuvor begonnen, das griechische Neue Testament von Erasmus zu studieren und die Bibel für das Zürcher Volk in die deutsche Sprache zu übertragen — die Froschauer-Bibel, die den Zürchern zum ersten Mal das ganze Wort Gottes in ihrer eigenen Sprache gab. In der Vorrede schrieb Zwingli, die Schrift sei klar und verständlich für jeden, der sie im Glauben und mit der Erleuchtung des Geistes lese. Er nannte dies die claritas scripturae — die Klarheit der Schrift. Genau denselben Kampf führten hundert Jahre später die Westminster-Väter in London. Auch sie standen zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite beanspruchte Rom, die Kirche bestimme den Kanon — und hatte auf dem Konzil von Trient die apokryphen Bücher den kanonischen gleichgestellt. Auf der anderen Seite beanspruchten radikale Sekten, dass der Geist ihnen neue Offenbarungen gebe, die über dem geschriebenen Wort stünden. Gegen beide zogen die Väter eine klare Grenze: Es gibt genau diese Bücher, sechsundsechzig an der Zahl — und keine anderen. Sie allein sind theopneustos, von Gott eingegeben. Sie allein sind die Regel des Glaubens und Lebens. Was bedeutet das für uns heute, hier in der Schweiz, im Erbe Zwinglis und Bullingers? Es bedeutet, dass wir einen festen Boden unter den Füssen haben. In einer Zeit, in der jede Meinung für gültig erklärt und jede spirituelle Erfahrung für massgeblich gehalten wird, bekennt das Westminster Bekenntnis zusammen mit den helvetischen Bekenntnissen: Der Kanon steht fest. Die Schrift allein ist die Richtschnur. Gott hat geredet, und er hat sein Reden in diesen Büchern versiegelt.

Die biblischen Grundlagen

Der zweite Abschnitt des Westminster Bekenntnisses ruht nicht auf menschlicher Überlegung, sondern auf dem klaren Zeugnis der Schrift selbst. Die Bibel bezeugt ihren eigenen göttlichen Ursprung, ihre eigene abgeschlossene Gestalt und ihre eigene alleinige Autorität. Lassen Sie uns die wichtigsten Zeugnisse betrachten. Der Apostel Paulus schreibt an seinen jungen Mitarbeiter Timotheus: »Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.« Dies ist der entscheidende Vers, der dem Bekenntnis seine Sprache leiht. Das griechische Wort, das Luther mit »von Gott eingegeben« übersetzt, lautet theopneustos. Es kommt nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vor und bedeutet wörtlich: »Gott-gehaucht«. Paulus sagt nicht, die Schreiber seien inspiriert gewesen — obwohl sie es waren. Er sagt, die Schrift selbst sei es. Das Produkt ist göttlich. Was auf den Seiten der Bibel steht, ist aus dem Mund des Allmächtigen hervorgegangen, so gewiss, als hätte Gott selbst den Atemzug genommen. Der amerikanische Theologe B.B. Warfield, dessen Name untrennbar mit der Lehre von der Inspiration verbunden ist, hat herausgearbeitet, dass die Westminster-Väter mit ihrer Formulierung genau dieses griechische Wort aufnehmen: Nicht nur der Gedanke, nicht nur die Botschaft — die Schrift selbst, in dem, was sie sagt und wie sie es sagt, ist von Gott eingegeben. Der Apostel Petrus gibt uns die andere Seite dieser Lehre. Er schreibt in seinem zweiten Brief: »Und das sollt ihr für das Erste wissen, dass keine Weissagung in der Schrift geschieht aus eigener Auslegung. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden; sondern von dem Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.« Wenn Paulus uns das Ergebnis zeigt — die Schrift ist von Gott eingegeben —, dann zeigt Petrus uns den Vorgang. Die Propheten redeten nicht aus eigenem Antrieb. Sie wurden »getrieben« — das griechische pheromenoi bedeutet »getragen«, »bewegt«, »fortgeführt«. Es ist dasselbe Wort, das in der Apostelgeschichte für ein Schiff gebraucht wird, das vom Wind getrieben wird. Wie ein Segelschiff nicht aus eigener Kraft fährt, sondern vom Wind getragen wird, so wurden die heiligen Schreiber vom Geist Gottes erfasst und geführt. Sie waren keine willenlosen Werkzeuge — ihre Persönlichkeit, ihr Stil, ihre geschichtliche Situation wurden nicht ausgelöscht. Aber sie standen so unter der Leitung des Heiligen Geistes, dass das, was sie schrieben, genau das war, was Gott mitteilen wollte. Der Zürcher Nachfolger Zwinglis, Heinrich Bullinger, drückte es in seinen Dekaden so aus: Der Heilige Geist hat den heiligen Männern nicht nur die Gedanken eingegeben, sondern auch die Worte, mit denen sie diese Gedanken ausdrückten. Denn Gedanken ohne Worte sind wie ein Körper ohne Glieder — sie können nicht mitgeteilt werden. Unser Herr Jesus Christus selbst hat den Kanon des Alten Testaments bestätigt. Vor seiner Himmelfahrt sprach er zu seinen Jüngern: »Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz Mose's und in den Propheten und in den Psalmen.« Mit diesen Worten bestätigt Jesus die dreiteilige Einteilung der hebräischen Bibel: das Gesetz — die Tora, die fünf Bücher Mose; die Propheten — die Nevi'im, von Josua bis Maleachi; und die Schriften — die Ketuvim, deren erstes und grösstes Buch die Psalmen sind. Jesus erkannte einen fest umrissenen Kanon heiliger Schriften an. Er zitierte daraus, er legte sie aus, er gründete seine eigene Identität und Sendung auf sie. Er sagte nicht: »Einige Teile dieser Schriften sind massgeblich, andere nicht.« Er empfing den ganzen Kanon, wie er von der jüdischen Kirche überliefert worden war. Der schottische Ausleger Robert Shaw bemerkt dazu treffend: Wenn Christus selbst einen geschlossenen Kanon anerkannte, mit welchem Recht sollten wir ihn öffnen oder erweitern? An einer anderen Stelle, im Streit mit den Pharisäern, macht Jesus eine Aussage von ungeheurer Tragweite. Die Pharisäer warfen ihm Gotteslästerung vor, weil er sich selbst Gott gleichstellte. Jesus antwortete mit einem Zitat aus dem zweiundachtzigsten Psalm und fügte hinzu: »Die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.« Ein einziges Wort aus den Psalmen — und Jesus erklärt: Dieses Wort ist unauflöslich. Es kann nicht beiseitegeschoben, nicht relativiert, nicht aufgelöst werden. Was die Schrift sagt, das steht. A.A. Hodge, der Princeton-Theologe, hat darauf hingewiesen, dass Jesus hier nicht nur die Autorität der Schrift lehrt, sondern auch die Einheit der Schrift: Ein entlegener Vers aus den Psalmen hat dieselbe göttliche Autorität wie jedes andere Wort der Heiligen Schrift. Das letzte Buch der Bibel schliesst mit einer feierlichen Warnung. Der Apostel Johannes schreibt in der Offenbarung: »Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht.« Diese Worte beziehen sich zwar unmittelbar auf die Offenbarung selbst, aber die Kirche hat von Anfang an in ihnen eine breitere Anwendung auf den gesamten Kanon gesehen. Die Bibel schliesst mit einem göttlichen Siegel: Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen. Der Kanon ist geschlossen. Diese Warnung steht nicht allein. Schon Mose, am Anfang des Kanons, gab dem Volk Israel dasselbe Gebot: »Ihr sollt nichts hinzutun zu dem, was ich euch gebiete, und sollt auch nichts davontun, damit ihr die Gebote des HERRN, eures Gottes, halten könnt, die ich euch gebiete.« Vom ersten Buch Mose bis zur Offenbarung zieht sich dieser rote Faden: Gottes Wort ist kein fliessender Strom frommer Überlieferung, den jede Generation erweitern und umleiten darf. Es ist ein festes Mass, eine abgeschlossene Grösse, ein vollendetes Werk. Francis Turretin, der Genfer Theologe des siebzehnten Jahrhunderts, dessen Institutio das Standardwerk der reformierten Orthodoxie wurde, fasste es so zusammen: Wie Gott am siebten Tag von seinen Schöpfungswerken ruhte, so ruht er nun von der Hervorbringung neuer Offenbarungen. Der Kanon ist vollständig.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Versammlung tagte in den 1640er Jahren, in einer Zeit, in der die Frage nach dem Kanon mit äusserster Schärfe gestellt wurde. Die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts — Luther in Wittenberg, Zwingli in Zürich, Calvin in Genf — hatten den Grundsatz sola scriptura wiederhergestellt: allein die Schrift ist die höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens. Aber diese Wiederherstellung warf sofort eine Folgefrage auf: Welche Schriften sind es denn, die diese Autorität besitzen? Die römisch-katholische Kirche antwortete auf die Reformation mit dem Konzil von Trient, das in seiner vierten Sitzung im Jahr 1546 den Kanon definierte — und zwar unter Einschluss der apokryphen Bücher wie Tobias, Judith, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Baruch und der Makkabäerbücher. Wer diese Bücher nicht als kanonisch annehme, so das Konzil, sei mit dem Anathema belegt. Rom beanspruchte damit die Vollmacht, den Umfang der Schrift festzulegen. Die Kirche, so die römische Lehre, schafft den Kanon; sie ist es, die den Büchern ihre Autorität verleiht. Auf der anderen Seite standen die radikalen Flügel der Reformation — die Täufer, die Spiritualisten, die Schwärmer. Sie beriefen sich auf neue, unmittelbare Offenbarungen des Geistes, die das geschriebene Wort ergänzen oder sogar überbieten sollten. In Zürich hatte Zwingli genau gegen diese Strömung gekämpft, als er in den Disputationen von 1523 und 1525 darauf bestand, dass der Geist nicht ohne oder gegen das Wort wirkt. Der Geist erleuchtet die Schrift, aber er fügt ihr nichts hinzu. Und schliesslich gab es die Sozinianer und frühen Rationalisten, die die menschliche Vernunft zum Richter über die Schrift machen wollten. Nicht was die Bibel sagt, sei massgeblich, sondern was die Vernunft aus der Bibel annehmen könne. Sie unterschieden zwischen wesentlichen und unwesentlichen Teilen der Schrift — eine Unterscheidung, die die Tür zur Auflösung der biblischen Autorität weit öffnete. Gegen alle drei Fronten formulierten die Westminster-Väter ihren zweiten Abschnitt mit grösster Sorgfalt. Robert Shaw, dessen Auslegung des Bekenntnisses aus dem Jahr 1845 bis heute ein Standardwerk ist, zeigt die leitende Unterscheidung auf: Die Väter sagen nicht, dass diese Bücher das Wort Gottes werden, weil die Kirche sie als solche anerkennt. Sie bekennen, dass diese Bücher das Wort Gottes sind — und dass die Kirche sie darum anerkennt. Der Kanon wird nicht geschaffen, sondern erkannt. Wie Bullinger im Zweiten Helvetischen Bekenntnis schreibt: »Die kanonischen Schriften haben ihre Autorität aus sich selbst, nicht aus den Menschen.« A.A. Hodge, der im neunzehnten Jahrhundert in Princeton lehrte und den wohl einflussreichsten Kommentar zum Westminster Bekenntnis verfasste, arbeitet drei Zwecke dieses Abschnittes heraus: Erstens identifiziert er präzise, welche Bücher als kanonisch anzunehmen sind. Die Liste ist keine blosse Aufzählung — sie ist ein Bekenntnisakt. Zweitens bekräftigt er, dass diese Bücher, und nur diese, »von Gott eingegeben« sind. Und drittens erklärt er, dass diese inspirierten Bücher die alleinige »Regel des Glaubens und Lebens« sind. Das Wort »nun« in der Formulierung des Bekenntnisses — »werden nun alle Bücher zusammengefasst« — trägt, wie Hodge bemerkt, ein erhebliches theologisches Gewicht. Es deutet an, dass der Kanon nicht immer vollständig war. Er wuchs im Lauf der Heilsgeschichte, als Gott zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weise zu den Vätern redete. Aber dieses Wachstum hat sein Ziel erreicht. Der Kanon ist jetzt abgeschlossen. Es kommt kein Buch mehr hinzu, weil keine neue Offenbarung mehr gegeben wird. Der Ausdruck »Regel des Glaubens und Lebens« greift das altkirchliche regula fidei et vitae auf und fasst das reformatorische sola scriptura in seiner vollen Weite zusammen. Die Schrift ist der Massstab für alles, was wir glauben — jede Lehre, jedes Dogma, jede Überzeugung muss an ihr geprüft werden. Und sie ist der Massstab für alles, was wir tun — jedes Verhalten, jede Entscheidung, jede Lebensführung muss sich an ihr messen lassen. Es gibt keinen Bereich, der von der Autorität der Schrift ausgenommen wäre.

Theologische Tiefe

Die Lehre vom Kanon gehört zu den durchdachtesten Stücken der reformierten Theologie. Von Calvin in Genf über Bullinger in Zürich bis zu den Puritanern in England — sie alle haben tief über die Frage nachgedacht, wie wir wissen können, welche Bücher Gottes Wort sind. Johannes Calvin widmet dem Thema im ersten Buch seiner Institutio eine grundlegende Erörterung. Er steht vor derselben Frage wie die Westminster-Väter ein Jahrhundert später: Wenn die Kirche nicht den Kanon schafft, worauf gründet sich dann unsere Gewissheit, dass diese sechsundsechzig Bücher Gottes Wort sind? Calvin verneint zunächst den römischen Weg: »Nichts kann widersinniger sein als die Einbildung, die Macht, über die Schrift zu urteilen, liege bei der Kirche, und von deren Belieben hänge die Gewissheit der Schrift ab.« Würde die Autorität der Bibel auf der Entscheidung der Kirche ruhen, dann stünde die Kirche über der Bibel — und das wäre das Ende des reformatorischen Prinzips. Aber Calvin verneint auch den rationalistischen Weg. Man könne nicht allein durch Vernunftgründe zur Anerkennung der Schrift kommen, so hilfreich die Argumente auch sein mögen. Die Majestät des biblischen Stils, die Harmonie aller ihrer Teile, die Erfüllung ihrer Weissagungen, die Bewahrung ihres Textes durch alle Verfolgungen hindurch — all dies sind starke äussere Zeugnisse. Aber sie reichen nicht aus, um die letzte Gewissheit zu geben. Der gefallene Mensch ist geistlich blind; er kann die Herrlichkeit der Schrift nicht erkennen, solange seine Augen nicht geöffnet werden. Hier führt Calvin den Begriff ein, der zum Herzstück der reformierten Schriftlehre geworden ist: das testimonium internum Spiritus Sancti, das innere Zeugnis des Heiligen Geistes. »Das Zeugnis des Geistes«, schreibt Calvin, »ist vortrefflicher als alle Vernunft. Denn wie Gott allein ein tauglicher Zeuge seiner selbst in seinem Wort ist, so wird auch das Wort in den Herzen der Menschen keine Annahme finden, bevor es durch das innere Zeugnis des Geistes versiegelt ist.« Derselbe Geist, der die heiligen Schreiber inspiriert hat, muss auch die Leser erleuchten, damit sie die Schrift als das erkennen, was sie wirklich ist. Es ist, als ob die Bibel ihre eigene göttliche Leuchtkraft besässe — aber unsere Augen sind verschlossen, und nur der Geist kann sie öffnen. Calvin vergleicht es mit dem Licht der Sonne: Die Sonne braucht keine andere Lampe, um zu beweisen, dass sie scheint. Sie beweist sich selbst durch ihr eigenes Licht. So beweist sich die Schrift durch ihre eigene göttliche Qualität dem Herzen, das der Geist geöffnet hat. Heinrich Bullinger, der Zürcher Nachfolger Zwinglis, formulierte im Zweiten Helvetischen Bekenntnis von 1566 denselben Grundsatz für die reformierten Kirchen der Schweiz. Das Bekenntnis, das über Jahrhunderte das massgebliche Lehrdokument der reformierten Schweiz blieb, beginnt mit den Worten: »Wir glauben und bekennen, dass die kanonischen Schriften der heiligen Propheten und Apostel beider Testamente das wahre Wort Gottes sind und ihre Autorität aus sich selbst haben, nicht aus den Menschen. Denn Gott selbst hat zu den Vätern, Propheten und Aposteln geredet und redet noch täglich durch die Heilige Schrift zu uns.« Man beachte die Gegenwartsform: Gott redet noch täglich durch die Schrift. Die Bibel ist kein Dokument aus ferner Vergangenheit, das nur noch von historischem Interesse wäre. Sie ist das lebendige Reden Gottes heute. Wenn Bullinger dies sagt, dann meint er: Jedes Mal, wenn du deine Bibel aufschlägst und im Glauben liest, spricht der lebendige Gott zu dir — nicht weniger wirklich, als er zu Mose am brennenden Dornbusch sprach. Zwingli selbst hatte in seiner Schrift »Von der Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes« die grundlegende reformierte Überzeugung ausgedrückt, dass die Schrift klar und verständlich sei. Er meinte damit nicht, dass es keine schwierigen Stellen gäbe. Er meinte, dass alles, was zum Heil notwendig ist, in der Schrift so deutlich ausgesprochen ist, dass jeder einfache Christ es verstehen kann. Darum gab er dem Zürcher Volk die Bibel in die Hand: weil Gottes Wort für Gottes Volk bestimmt ist, nicht nur für eine gelehrte Elite. Thomas Watson, der Londoner Puritaner, dessen Schriften bis heute durch ihre Wärme und Anschaulichkeit bestechen, widmet dem Kanon mehrere eindrückliche Seiten. Er weist auf die wunderbare Vielfalt der biblischen Bücher hin: »Hier ist Geschichte, um uns zu unterrichten; Poesie, um uns zu erfreuen; Prophetie, um Zukünftiges vorherzusagen; und Lehre, um uns zu unterweisen. Hier sind Geheimnisse zu glauben, Gebote zu befolgen, Verheissungen zu umfangen und Drohungen zu fürchten.« Watson sieht in dieser Vielfalt die Hand der göttlichen Weisheit. Ein einziger Autor hätte unmöglich alle diese Gattungen und Stile hervorbringen können. Aber der eine Geist, der durch viele menschliche Schreiber wirkte, hat ein einziges, harmonisches Buch geschaffen. Über den Umfang des Kanons ist Watson ebenso klar: Die Apokryphen seien nie von der jüdischen Kirche angenommen worden, der die Worte Gottes anvertraut waren — wie Paulus im Römerbrief sagt: »Ihnen ist anvertraut, was Gott geredet hat.« Christus und die Apostel zitierten hunderte Male aus dem Alten Testament, aber kein einziges Mal aus den Apokryphen als aus der Schrift. Zudem enthielten die Apokryphen Lehren, die der kanonischen Schrift widersprächen — etwa die Fürbitte für die Toten und die Lehre, dass gute Werke den Menschen vor Gott gerecht machen. Die Westminster-Väter taten also nichts Neues. Sie folgten dem Urteil der alten Kirche, dem Zeugnis Christi und der Apostel und dem Zeugnis des Geistes in den kanonischen Büchern selbst. B.B. Warfield, der Princeton-Theologe, der im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert wie kein zweiter die reformierte Lehre von der Inspiration verteidigt hat, arbeitete heraus, dass die Westminster-Väter eine Inspiration lehrten, die drei Merkmale hat: Sie ist plenar — sie erstreckt sich auf alle Teile der Schrift gleichermassen, nicht nur auf die Heilslehren, sondern auch auf die geschichtlichen und scheinbar nebensächlichen Aussagen. Sie ist verbal — sie erstreckt sich auf die Worte selbst, nicht nur auf die Gedanken oder die allgemeine Botschaft. Und sie ist organisch — sie löscht die menschlichen Schreiber nicht aus, sondern gebraucht ihre Persönlichkeit, ihre Bildung, ihren Stil; aber sie leitet sie so, dass das Ergebnis dennoch Gottes Wort ist. Warfield zeigte, dass die Väter bewusst das griechische theopneustos in ihr Bekenntnis aufnahmen: Nicht die Schreiber sind inspiriert — die Schrift selbst ist es. Das Produkt ist göttlich. Herman Witsius, der niederländische Theologe des siebzehnten Jahrhunderts, liefert in seinem grossen Werk über den Bund Gottes einen weiteren Schlüssel zum Verständnis. Er zeigt, dass die Schrift nicht einfach eine Sammlung religiöser Texte ist, sondern die Bundesurkunde des lebendigen Gottes. Ein Bund hat immer Bestimmungen. Der Gnadenbund hat Bestimmungen — nicht als verdienstliche Bedingungen, sondern als Ordnungen der Beziehung. Wir sollen glauben — das ist die Regel des Glaubens. Und wir sollen gehorchen — das ist die Regel des Lebens. Die Schrift sagt uns, was wir glauben und wie wir leben sollen. Sie ist nicht nur Information; sie ist der Vertrag, den der Bundesgott seinem Bundesvolk gegeben hat — die Magna Charta für den Himmel, wie Thomas Watson sie nannte. Der puritanische Theologe John Owen schliesslich, der in seiner monumentalen Abhandlung über den göttlichen Ursprung der Schrift die gesamte reformierte Lehre zusammenfasste, hat ein Bild geprägt, das die reformierte Überzeugung von der sich selbst beglaubigenden Schrift auf den Punkt bringt. Owen schreibt: »Das Licht der Schrift gleicht dem Licht der Sonne. Die Sonne bedarf keines anderen Lichtes, um zu beweisen, dass sie scheint. Sie ist selbst-erweisend. So offenbart sich die Schrift durch ihr eigenes Licht und ihre eigene Kraft dem Gewissen als das Wort Gottes.« Wir glauben nicht an die Bibel, weil die Kirche es uns sagt, sondern weil der Geist uns die Augen öffnet und wir selbst sehen, was sie ist — Gottes eigenes Wort.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre vom Kanon ist keine trockene Schreibtischtheologie. Sie hat unmittelbare, tiefgreifende Folgen dafür, wie wir als Christen leben, glauben und beten. Lassen Sie sich an sechs Punkten in Ihr eigenes Herz fragen. Erstens: Weisst du, warum du glaubst, dass diese Bücher die Heilige Schrift sind? Es ist leicht zu sagen: »Ich glaube an die Bibel, weil meine Eltern es mir beigebracht haben« oder »weil meine Kirche es lehrt«. Das ist nicht falsch — Gott gebraucht solche Mittel. Aber wenn dein Vertrauen zur Schrift nur auf menschlichem Zeugnis ruht, wird es wanken, wenn menschliches Zeugnis wankt. Die Reformation lehrt uns, tiefer zu graben. Glaube nicht einfach, was andere dir sagen; suche das Zeugnis des Geistes in deinem eigenen Herzen. Bitte Gott, dir die göttliche Herrlichkeit der Schrift zu zeigen. Lies sie mit der Frage: »Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.« Der Glaube, der im Sturm bestehen soll, muss auf dem Felsen des inneren Zeugnisses des Geistes gegründet sein, nicht auf dem Sand menschlicher Überlieferung. Zweitens: Behandelst du die Bibel als die Regel des Glaubens? Das Bekenntnis nennt die Schrift die regula fidei — die Regel, den Massstab, die Richtschnur dessen, was du glaubst. Das bedeutet: Jede Überzeugung, die du hegst, muss vor den Richterstuhl der Schrift gebracht werden. Sind da Lehren in deinem Kopf oder deinem Herzen, die du von Menschen übernommen hast, ohne sie an der Schrift zu prüfen? Thomas Watson warnt: »Viele lesen die Bibel, um ihren Verstand zu schmücken, nicht um ihr Herz zu heiligen. Sie kommen zur Schrift wie zu einer Blume, um ihren Duft aufzunehmen — nicht wie zu einer Arznei, um geheilt zu werden.« Prüfe deinen Glauben an der Schrift. Nicht die Schrift an deinem Glauben. Drittens: Behandelst du die Bibel als die Regel des Lebens? Derselbe Watson stellt die durchbohrende Frage: »Warum lesen viele die Bibel und werden nicht besser?« Seine eigene Antwort trifft ins Herz: »Weil sie die Schrift nicht als Regel des Lebens lesen, sondern nur als Stoff zur Erkenntnis. Sie lesen, um ihren Kopf zu füllen, nicht um ihr Herz zu erneuern.« Es ist möglich, grosse biblische Kenntnis zu besitzen und ein ungeheiligtes Leben zu führen. Reguliert die Bibel dein Reden? Deinen Umgang mit Geld? Deine Ehe und Familie? Deine Arbeit und deine Ruhe? Deine Gedanken und deine Begierden? Gibt es Bereiche deines Lebens, die du vor der Autorität der Schrift abgeschirmt hast? Dann hast du dich der Herrschaft des Wortes noch nicht vollständig unterworfen. Viertens: Bist du zufrieden mit einem geschlossenen Kanon? Das Bekenntnis erklärt, dass der Kanon abgeschlossen ist. »Nun« — das heisst, es kommt nichts mehr hinzu. In einer Zeit, in der viele Christen neuen Offenbarungen, neuen Prophezeiungen, neuen »Worten vom Herrn« nachjagen, ist diese nüchterne Feststellung von grösster Dringlichkeit. Der Geist wirkt heute, ja — aber er wirkt, um das gegebene Wort zu erleuchten, nicht um neue Offenbarungen hervorzubringen. Wer meint, er habe ein neues Wort vom Herrn empfangen, mag aufrichtig sein — aber er irrt. Der Kanon ist versiegelt. Die Offenbarung ist vollendet. A.A. Hodge formuliert es mit apostolischer Klarheit: »Keine neuen Offenbarungen des Geistes sind jetzt zu erwarten, denn er hat uns bereits eine vollständige und voll genügende Regel gegeben.« Fünftens: Liest du die ganze Schrift? Das Bekenntnis zählt alle sechsundsechzig Bücher auf. Nicht nur die Evangelien. Nicht nur den Römerbrief. Nicht nur die Psalmen. Alle sind von Gott eingegeben, und alle sind nützlich. Liest du auch die Propheten? Liest du das dritte Buch Mose mit seinen Opfervorschriften? Liest du die Geschlechtsregister? Liest du die schwierigen Stellen, die du nicht sofort verstehst? Die Puritaner pflegten die Bibel von Genesis bis Offenbarung in einem Jahr durchzulesen — nicht in Hast, sondern in regelmässigen, bedächtigen Portionen. Der ganze Ratschluss Gottes ist in der ganzen Schrift enthalten. Picke nicht heraus, was dir gefällt. Lass dich vom ganzen Wort formen. Sechstens: Schätzt du die Bibel als das, was sie wirklich ist? Thomas Watson erzählt die Geschichte von Königin Elisabeth, die bei ihrer Krönung die Bibel mit beiden Händen entgegennahm, sie küsste, an ihr Herz drückte und erklärte: »Dieses Buch ist allezeit meine grösste Freude gewesen.« Was ist deine Haltung zur Bibel? Ist sie dir wertvoller als Gold und süsser als Honig, wie der Psalmist singt? Oder hast du dich an sie gewöhnt und liest sie aus Pflicht ohne Freude? Watson hat ein Wort für solche Gewöhnung: »Ach, wie viele können stundenlang in einen Spiegel schauen — aber ihre Augen beginnen zu schmerzen, wenn sie in die Bibel blicken! Die Heiden sterben aus Mangel an der Schrift, und diese verachten sie in ihrem Überfluss.« Jedes Mal, wenn du deine Bibel öffnest, stehst du vor dem Thron Gottes und hörst die Stimme deines Schöpfers und Erlösers. Und wenn du siehst, dass du die Schrift vernachlässigt hast, dann verzweifle nicht. Kehre heute um. Öffne sie neu. Lies sie nicht als Pflicht, sondern als Vorrecht — nicht um ein Pensum zu erfüllen, sondern um deinem Gott zu begegnen. Denn in diesen sechsundsechzig Büchern, und in ihnen allein, hat der dreieinige Gott sich selbst uns kundgetan. In ihnen finden wir Christus, die Perle von grossem Wert. Wie Watson sagt: »In dieser heiligen Mine graben wir nicht nach einem Klumpen Gold, sondern nach einem Gewicht an Herrlichkeit.«

Gebet

Allmächtiger Gott, der du vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hast durch die Propheten und in diesen letzten Tagen zu uns geredet hast durch deinen Sohn: wir danken dir für die Gabe der Heiligen Schrift. Wir preisen dich, dass du uns nicht im Dunkel unserer eigenen Gedanken gelassen hast, noch im Wirrwarr menschlicher Überlieferungen, sondern uns ein festes, gewisses und vollständiges Wort gegeben hast — die sechsundsechzig Bücher des Alten und Neuen Bundes, von deinem Geist eingegeben als die alleinige Regel des Glaubens und Lebens. Herr, wir bekennen, dass wir dieses kostbare Gut oft gering geachtet haben. Wir haben dein Wort nachlässig gelesen, wo es doch unsere tiefste Ehrfurcht verdient. Wir haben Teile der Schrift vernachlässigt, die du für unsere Unterweisung gegeben hast. Wir haben eigene Gedanken über deine Offenbarung gestellt. Herr, vergib uns diese Sünde und erneuere in uns die Liebe zu deinem Gesetz. Sende deinen Heiligen Geist, wir bitten dich, und öffne unsere Augen, damit wir die Wunder schauen in deinem Wort. Lass das innere Zeugnis deines Geistes uns zur vollen Gewissheit führen, dass diese Bücher nicht Menschenwort, sondern Gotteswort sind. Gib uns Demut, alles zu glauben, was du offenbart hast; Gehorsam, alles zu tun, was du geboten hast; und Vertrauen, uns aller Verheissungen zu getrösten, die du gegeben hast. Bewahre uns vor der Anmassung, deinem vollendeten Wort etwas hinzuzufügen oder etwas von ihm wegzunehmen. Behüte uns vor falschen Lehrern, die neue Offenbarungen beanspruchen. Lass uns zufrieden sein mit dem, was du geschrieben hast — denn es ist genug für unser Heil und für unsere Heiligung. Hilf uns, dein Wort zu lesen nicht als eine Last, sondern als eine Freude; nicht aus Gewohnheit, sondern aus Hunger; nicht um Wissen anzuhäufen, sondern um Christus zu finden. Lass es unseres Fusses Leuchte sein und ein Licht auf unserem Weg, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen. Und wenn wir einst von Angesicht zu Angesicht schauen werden, was wir jetzt im Spiegel des Wortes sehen, dann wollen wir dich ewig preisen für die Schrift, die uns zu dem lebendigen Wort geführt hat — zu Jesus Christus, deinem Sohn, unserem Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert, ein wahrer Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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