Andacht 16 von 171

Wir betreten jetzt das Heiligtum des göttlichen Willens

Kap.3: Von Gottes ewigem Ratschluss — Abschnitt 3 • 2026-05-22 • 31 Min.

Das Bekenntnis

Durch den Ratschluss Gottes, zur Offenbarung seiner Herrlichkeit, sind etliche Menschen und Engel zum ewigen Leben vorherbestimmt und andere zum ewigen Tode vorherverordnet.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 3, Abschnitt 3

Einleitung

Wir betreten jetzt das Heiligtum des göttlichen Willens. Nicht mit lauten Schritten und nicht mit der Anmassung dessen, der meint, er könne die verborgenen Tiefen Gottes ausmessen. Sondern barfuss, wie Mose vor dem brennenden Dornbusch, die Schuhe von den Füssen gezogen, denn der Boden, auf dem wir stehen, ist heiliges Land. Der dritte Abschnitt des dritten Kapitels bringt uns zu einer der erschütterndsten Aussagen des ganzen Bekenntnisses. Hier steht nicht weniger als die Lehre von der doppelten Prädestination: dass Gott, zur Offenbarung seiner Herrlichkeit, etliche Menschen und Engel zum ewigen Leben vorherbestimmt und andere zum ewigen Tode vorherverordnet hat. Der Abschnitt spricht von Auserwählung und Verwerfung. Von Gefässen der Barmherzigkeit und Gefässen des Zorns. Von Himmel und Hölle, beide verankert in dem einen, ewigen Ratschluss Gottes. Viele fromme Gemüter haben an dieser Lehre Anstoss genommen. Man hat sie grausam genannt, eines liebenden Gottes unwürdig, eine finstere Erfindung eines finsteren Genfer Mönches. Andere, die den Namen reformiert tragen, haben versucht, den Stachel dieser Lehre zu entschärfen. Sie reden von einer einzigen Prädestination zum Leben und schweigen von der Verwerfung, als wäre sie nur ein bedauerlicher Nebeneffekt, den Gott widerwillig in Kauf nimmt. Lieber Hörer, das Westminster Bekenntnis erlaubt uns diese Ausflucht nicht. Es stellt uns vor die ganze, ungeteilte biblische Wahrheit. Und tut dies, wie wir sehen werden, nicht mit kalter Spekulation, sondern in tiefer Anbetung vor dem unerforschlichen Gott. Bemerkenswert: Der Abschnitt setzt mit dem Zweck ein: zur Offenbarung seiner Herrlichkeit. Das ist der Schlüssel, der diese schwere Kammer öffnet. Bevor wir von Erwählung und Verwerfung sprechen, bevor wir die schweren Worte ewiges Leben und ewiger Tod in den Mund nehmen, stellt uns das Bekenntnis vor das Ziel aller Wege Gottes: seine eigene Herrlichkeit. Nicht unsere Seligkeit ist das letzte Ziel, so sehr wir uns ihrer freuen dürfen. Nicht das Gericht über die Gottlosen ist das letzte Ziel, so furchtbar es ist. Sondern die Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit. Darin laufen alle Linien der Vorherbestimmung zusammen, so wie alle Strahlen der Sonne in der Sonne selbst ihren Ursprung und ihr Ziel haben. Zwingli hat in seiner Schrift über die Vorsehung Gottes diesen Gedanken mit einer Klarheit vorgetragen, die uns heute noch in Atem hält. Für ihn war die Prädestinationslehre kein logisches Puzzle, sondern der tiefste Ausdruck der Souveränität Gottes, ja der Gottheit Gottes selbst. Ein Gott, der nicht frei wäre zu erwählen und zu verwerfen, wäre für Zwingli kein Gott, sondern ein Götze, gebunden an die vermeintlichen Rechte des Geschöpfes. Hören wir heute mit Ehrfurcht und Demut in diese Wahrheit hinein. Nicht um zu streiten, sondern um anzubeten. Nicht um unseren Verstand zu befriedigen, sondern um unser Herz vor dem Herrn zu beugen. Der Apostel Paulus hat es uns vorgemacht: Nachdem er in Römer 9 die härtesten Aussagen über Erwählung und Verwerfung gemacht hat, bricht er nicht in theologische Dispute aus, sondern in Anbetung: »O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!«

Die biblischen Grundlagen

Beginnen wir mit dem Anfang der Bibel. Nicht mit Römer 9, wie manche vermuten würden, sondern mit dem Ratschluss Gottes vor Grundlegung der Welt. Der Epheserbrief enthüllt uns diesen ewigen Ursprung mit einer sprachlichen Pracht, die uns den Atem nimmt. Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus: »Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.« Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. Achten Sie genau auf die Reihenfolge. Zuerst die Erwählung, dann die Weltgrundlegung. Die Erwählung geschieht vor der Schöpfung. Sie ist nicht Gottes Antwort auf unser Verhalten, nicht seine Reaktion auf unseren Glauben, nicht einmal sein Vorauswissen unseres künftigen Glaubens. Sie ruht allein in ihm: nach dem Wohlgefallen seines Willens. Das griechische Wort, das Luther mit Wohlgefallen übersetzt, ist eudokia. Es bezeichnet das freie, ungeschuldete Wohlwollen Gottes, das keinen Grund ausserhalb seiner selbst sucht und braucht. Nicht wir haben Gott erwählt, sondern er hat uns erwählt. Das ist der cantus firmus, der durch die ganze Heilige Schrift klingt. Der Herr Jesus selbst bezeugt diese Wahrheit im Johannesevangelium mit einer Schärfe, die jeden menschlichen Stolz zerschneidet: »Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt.« Er sagt es seinen Jüngern, den engsten Vertrauten, denen, die meinen könnten, sie hätten sich doch immerhin klug entschieden, als sie dem Ruf am See Genezareth folgten. Nein, spricht der Herr. Nicht eure Entscheidung war der Grund. Meine Erwählung war es. Nun müssen wir uns der zweiten, der schwereren Hälfte des Abschnitts zuwenden. Dass Gott etliche zum ewigen Tode vorherverordnet hat, ist eine Aussage, die wir nicht anders als mit Zittern aussprechen sollten. Doch der Apostel Paulus spricht sie aus, und zwar in den klarsten Worten, die man sich denken kann. Im neunten Kapitel des Römerbriefs entfaltet er das Geheimnis der göttlichen Erwählung so: »Hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäss zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?« Da Gott seinen Zorn erweisen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit grosser Langmut die Gefässe des Zorns ertragen, die zum Verderben bereitet waren, damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefässen der Barmherzigkeit, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat. Das Bild vom Töpfer und dem Ton ist alttestamentlichen Ursprungs. Jeremia musste zum Töpfer hinabgehen und sah, wie ein Gefäss, das unter den Händen des Töpfers missriet, von neuem geformt wurde. Doch Paulus geht weiter als Jeremia. Bei ihm formt der Töpfer aus demselben Klumpen nicht nur misslungene und gelungene Gefässe, sondern Gefässe zu ehrenvollem Gebrauch und solche zu nicht ehrenvollem Gebrauch. Aus demselben Klumpen. Das ist der Punkt, an dem unser Stolz sich aufbäumt. Wir würden gerne sagen: Die Gefässe des Zorns haben ihren Zorn selbst verdient, und Gott hat nur im Voraus gewusst, dass sie sich so entscheiden würden. Aber Paulus sagt das nicht. Er sagt, dass Gott sie bereitet hat, und zwar mit derselben souveränen Freiheit, mit der er die Gefässe der Barmherzigkeit zur Herrlichkeit bereitet hat. Petrus schreibt in seinem ersten Brief in dieselbe Richtung, wenn er von Christus, dem Eckstein spricht, der für die einen zum Heil, für die anderen zum Gericht wird: »Euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden, ein Stein des Anstosses und ein Fels des Ärgernisses.« Sie stossen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorsam sind, wozu sie auch bestimmt sind. Das letzte Wort im griechischen Text heisst etethēsan, sie sind hingesetzt, bestimmt, verordnet. Es ist dasselbe Wort, das auch für die Einsetzung von Amtsträgern verwendet wird. Sie sind nicht zufällig ungläubig, weil sie eben Pech hatten oder weil der Wind der Geschichte ungünstig wehte. Sie sind dazu bestimmt. Das ist keine leichte Kost. Aber es ist die Schrift. Und dann ist da noch das Zeugnis des Judasbriefes über die Engel. Das Bekenntnis spricht ausdrücklich von Menschen und Engeln. Die Engel sind die reinsten Geschöpfe, die Gott je geschaffen hat. Sie schauten sein Angesicht von Angesicht. Sie dienten vor seinem Thron. Und doch sind etliche von ihnen gefallen und für ewig verworfen. Judas schreibt: »Auch die Engel, die ihren himmlischen Rang nicht bewahrten, sondern ihre Behausung verliessen, hat er für das Gericht des grossen Tages festgehalten mit ewigen Banden in der Finsternis.« Das griechische Wort für festgehalten, tetērēken, ist das Perfekt von tērein. Es bezeichnet einen Zustand, der in der Vergangenheit begann und bis in die Gegenwart andauert. Die gefallenen Engel sind nicht entkommen. Sie sind nicht einfach davongeflogen, um ihr eigenes dunkles Reich zu gründen. Sie sind festgehalten, gebunden, verwahrt für das Gericht des grossen Tages. Ihre Verdammnis ist nicht weniger gewiss als die Seligkeit der Auserwählten. Und der Herr Jesus selbst spricht im Matthäusevangelium vom Ende aller Dinge so: »Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.« Beachten Sie das Wort bereitet. Auch Paulus spricht in Römer 9 von Gefässen des Zorns, die bereitet sind — katērtismena, zugerichtet, fertig gemacht. Das ewige Feuer ist kein Unfall der Heilsgeschichte. Es ist vorbereitet. Schliesslich spricht das Alte Testament in den Sprüchen Salomos mit einer entwaffnenden Klarheit von dieser Wahrheit: »Der Herr hat alles zu seinem Zweck gemacht, so auch den Gottlosen für den bösen Tag.« Der hebräische Text verwendet das Verb pa'al, das Machen oder Wirken bezeichnet. Es ist dasselbe Verb, das auch für Gottes Schöpfungswerk gebraucht wird. Der Gottlose ist kein Betriebsunfall der Vorsehung. Er ist gemacht, gewirkt, geschaffen für seinen Zweck. Das sind die biblischen Zeugnisse. Sie sind nicht vereinzelt. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch beide Testamente, durch Gesetz und Propheten, durch Evangelien und Briefe. Wer sie leugnet, leugnet nicht Calvin oder das Westminster Bekenntnis. Er leugnet die Heilige Schrift.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schrieben diesen Abschnitt in einer Zeit, die von heftigen theologischen Auseinandersetzungen geprägt war. Der grosse Gegner auf dem Gebiet der Prädestinationslehre war der Arminianismus, der in den Niederlanden durch die Remonstranten vorgetragen und auf der Dordrechter Synode 1619 verurteilt worden war. Doch die Irrlehre war damit nicht aus der Welt. Sie hatte längst die britischen Inseln erreicht und fand dort, besonders in der Kirche von England, bereitwillige Ohren. Die Remonstranten lehrten, Gott habe aufgrund seines Vorauswissens des Glaubens erwählt. Er schaue gewissermassen durch den Korridor der Zeit und sehe, wer glauben werde, und diese erwähle er dann. Das klingt vernünftig. Es schont den menschlichen Stolz. Es macht den Glauben zur Bedingung der Erwählung, statt die Erwählung zur Quelle des Glaubens. Aber es stellt die biblische Ordnung auf den Kopf. Denn der Glaube ist nicht die Ursache der Erwählung, sondern ihre Frucht. Nicht weil wir glauben, hat Gott uns erwählt. Sondern weil Gott uns erwählt hat, darum glauben wir. Die Westminster-Väter sahen diese Gefahr mit äusserster Klarheit. Sie erkannten, dass die Lehre von der Erwählung aus Vorauswissen die Souveränität Gottes aushöhlt und den Menschen zum letzten Bestimmer seines Heils macht. Darum formulierten sie so, dass jeder Arminianismus ausgeschlossen ist. Gott hat, zur Offenbarung seiner Herrlichkeit, etliche vorherbestimmt und andere vorherverordnet. Kein Wenn und Aber. Kein aufgrund des Vorauswissens. Kein nach den Werken. Allein aus seinem freien Ratschluss. Dabei waren die Väter sich der Schwere dieser Lehre wohl bewusst. Sie waren keine hartherzigen Spekulanten, die an der Verdammnis der Verlorenen Gefallen fanden. Viele von ihnen waren Seelsorger, die wussten, was es heisst, einem verzweifelten Sünder das Evangelium zu bringen. Gerade die Lehre von der freien Erwählung war für sie nicht der kalte Riegel vor der Tür des Heils, sondern die weit geöffnete Pforte. Denn wenn das Heil von meinem Glauben, meiner Entscheidung, meiner Treue abhängt, dann bin ich verloren. Dann wird mich mein zagendes Herz immer wieder anklagen: Hast du auch genug geglaubt? War deine Entscheidung auch ernst genug? Aber wenn das Heil von Gottes ewigem Ratschluss abhängt, dann darf ich mich an seinen Willen klammern und nicht an meine frommen Gefühle. Die Väter zitierten in ihren Debatten immer wieder die Kirchenväter, besonders Augustinus, der gegen Pelagius die Gnade verteidigt hatte. Sie standen in der Tradition von Gottschalk, von Bradwardine, von Luther, der in De servo arbitrio die Gebundenheit des menschlichen Willens so radikal vertreten hatte wie kaum einer vor ihm. Und sie standen auf den Schultern Calvins, der in der Institutio die Prädestination als das Fundament der Heilsgewissheit entfaltet hatte. Ein wichtiger Punkt, den die Väter klarstellten, war der Unterschied zwischen der Erwählung der Menschen und der Bestimmung der Engel. Die Menschen sind gefallen in Adam, und aus dieser gefallenen Masse erwählt Gott etliche zum Heil und übergeht die anderen in ihrer Sünde. Die Engel aber standen nicht in einem Bundeshaupt, durch das sie fielen. Jeder Engel fiel für sich. Und dennoch hat Gott etliche Engel erwählt, die nun als heilige Engel vor seinem Thron stehen, und etliche verworfen, die nun als gefallene Geister in der Finsternis auf das Gericht warten. Der Hebräerbrief nennt die heiligen Engel dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen. Sie dienen den erwählten Menschen. Welch ein Wunder der göttlichen Ordnung.

Theologische Tiefe

Die theologische Tiefe dieses Abschnitts ist so unermesslich wie der Ratschluss Gottes selbst. Beginnen wir mit der Frage nach dem Verhältnis von Erwählung und Verwerfung. Calvin hat in seiner Institutio mit einer Nüchternheit, die heute oft missverstanden wird, die Lehre von der doppelten Prädestination entfaltet. Für ihn war sie kein isolierter Lehrpunkt, sondern die notwendige Konsequenz der biblischen Rede von Gott. Wenn Gott der Herr ist und wenn nicht alle gerettet werden, dann kann die Tatsache, dass etliche verloren gehen, nicht ausserhalb seines Willens liegen. Calvin schreibt: Nicht alle werden in gleicher Weise geschaffen, sondern den einen ist das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorherbestimmt. Je nachdem nun ein jeder zu dem einen oder dem anderen Ziel geschaffen ist, so sagen wir, er sei zum Tode oder zum Leben vorherbestimmt. Calvin lehrte die Verwerfung nie mit derselben Betonung wie die Erwählung. Die Erwählung ist das eigentliche Thema der Prädestinationslehre. Sie ist der Strom der göttlichen Liebe, der vom Vater durch den Sohn im Heiligen Geist zu den Auserwählten fliesst. Die Verwerfung ist das dunkle Ufer dieses Stromes, das man nur im Vorübergehen und mit Furcht wahrnimmt, um dann den Blick wieder ganz auf die Gnade zu richten. Thomas Watson, der englische Puritaner, hat in seinem Body of Divinity eine hilfreiche Unterscheidung getroffen: Gott hat den Tod des Sünders nicht gewollt, insofern der Tod eine Strafe für die Sünde ist. Das heisst, Gott hat nicht einfach Freude am Untergang des Gottlosen. Im Buch des Propheten Hesekiel spricht der Herr: »So wahr ich lebe, ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe.« Watson erklärt dies so: Gott hat ein vorausgehendes Wohlgefallen, das aus seiner Güte fliesst und das Heil aller wünscht. Aber er hat auch einen beschliessenden Willen, der aus seiner Gerechtigkeit fliesst und die Verwerfung der Unbussfertigen festsetzt. Diese Unterscheidung bewahrt uns vor dem Zerrbild eines Gottes, der wie ein launischer Tyrann mit seinen Geschöpfen spielt. Der Genfer Theologe Franz Turretin, der grosse Systematiker der reformierten Orthodoxie, hat in seiner Institutio Theologiae Elencticae die Lehre mit scholastischer Präzision entfaltet. Er unterscheidet zwischen der positiven und der negativen Seite der Verwerfung. Positiv will Gott die Verdammnis der Sünder zur Offenbarung seiner Gerechtigkeit. Negativ will er ihnen die Gnade der Erwählung nicht geben. Das ist das sogenannte Übergehen, das praeteritio. Gott geht an den Nichterwählten vorüber, wie er im Alten Bund an den Völkern vorüberging und sich allein Israel offenbarte. Es ist nicht so, dass Gott den Menschen böse macht oder zur Sünde zwingt. Der Mensch sündigt aus eigenem Antrieb. Aber Gott lässt ihn in seiner Sünde und beschliesst, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Zur reformierten Lehre gehört auch der Zusammenhang von Prädestination und Christologie. Die Erwählung geschieht, wie Paulus im Epheserbrief schreibt, in Christus. Das bedeutet nicht nur, dass Christus der Mittler der Erwählung ist. Es bedeutet, dass Christus selbst der Erwählte Gottes ist, der Auserwählte schlechthin, und dass wir in ihm, als Glieder seines Leibes, an seiner Erwählung teilhaben. Karl Barth hat dies im zwanzigsten Jahrhundert mit grossem Nachdruck betont, auch wenn seine Lösung nicht in allem der reformierten Tradition entspricht. Aber dass die Prädestinationslehre christologisch verankert sein muss, das haben schon die Reformatoren gesehen. Bullinger schreibt in den Dekaden: Christus ist das Haupt aller Auserwählten. Wer nicht in dieses Haupt eingefügt ist, hat keinen Anteil an der Erwählung. Zwingli hat in seiner Schrift De providentia Dei die Prädestination radikal von der Allmacht und Allwissenheit Gottes her gedacht. Für ihn gab es keinen Raum für eine offene Zukunft oder eine bedingte Erwählung. Wenn Gott alles weiss, dann weiss er auch, wer gerettet wird und wer verloren geht. Und wenn er es weiss, dann hat er es von Ewigkeit her gewusst. Und wenn er es von Ewigkeit her gewusst hat und dennoch die Welt so schuf, dann hat er auch den Ausgang bestimmt. Zwingli fürchtete sich nicht vor den logischen Konsequenzen. Er nahm sie auf sich im Vertrauen darauf, dass der Gott, der so handelt, der Gott der Gnade und der Gerechtigkeit ist. Ein Bild, das die reformierte Theologie immer wieder verwendet hat, ist das der Sonne, die Wachs weich macht und Lehm hart. Dieselbe Sonne, dieselbe Wärme bewirkt an verschiedenen Stoffen verschiedene Dinge. So ist es mit der Gnade Gottes. Die gepredigte Gnade erweicht die Herzen der Auserwählten zur Busse und verhärtet die Herzen der Verworfenen im Unglauben. Es ist nicht so, dass Gott den einen eine andere Gnade gibt als den anderen. Es ist dieselbe Sonne. Aber das Material, auf das sie trifft, ist verschieden. Und dass das Material verschieden ist, das liegt an Gottes schöpferischem und erwählendem Willen. Die reformierte Theologie hat stets darauf bestanden, dass die Prädestination ein Geheimnis bleibt, das wir nicht durchdringen können. Calvin verbot ausdrücklich die neugierige Frage, ob ich denn zu den Erwählten gehöre. Diese Frage, so Calvin, führt entweder in die Verzweiflung oder in die Vermessenheit. Stattdessen sollen wir auf Christus schauen. In ihm erkennen wir unsere Erwählung, wie in einem Spiegel. Nicht indem wir in den verborgenen Ratschluss Gottes eindringen, sondern indem wir die offenbarte Gnade in Christus ergreifen. Der niederländische Theologe Herman Witsius hat in seiner Ökonomie der Bündnisse Gottes die Prädestination in den Rahmen des Bundesdenkens gestellt. Der Ratschluss Gottes, so Witsius, entfaltet sich in der Geschichte durch den Bund der Erlösung, den der Vater mit dem Sohn vor Grundlegung der Welt geschlossen hat, und durch den Bund der Gnade, den Gott mit den Auserwählten in der Zeit schliesst. Die Prädestination ist also kein abstrakter, willkürlicher Beschluss, sondern die ewige Grundlage eines Bundes, einer liebenden Beziehung zwischen Gott und seinem Volk.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Die Lehre von der Prädestination lehrt uns Demut. Wenn mein Heil von Ewigkeit her in Gottes freiem Ratschluss beschlossen ist, dann habe ich keinen Grund, mich über andere zu erheben. »Was hast du, das du nicht empfangen hast?« fragt Paulus die Korinther. Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? Der erwählte Sünder ist ein begnadigter Sünder, nichts weiter. Der Gedanke, dass ich etwas in mir hätte, was Gott bewogen hätte, mich zu erwählen, ist der Anfang aller geistlichen Hoffart. Die Prädestinationslehre schneidet jede Wurzel des Selbstruhms ab. Ich bin gerettet, nicht weil ich besser bin, nicht weil ich klüger bin, nicht weil ich mich richtig entschieden habe. Ich bin gerettet, weil Gott es so wollte. Das nimmt mir jeden Grund, auf andere herabzusehen, die noch in der Finsternis wandeln. Ihre Blindheit könnte ebenso gut die meine sein, wenn Gott mich nicht aus demselben Klumpen herausgezogen hätte. Zweitens: Die Lehre von der Prädestination gibt uns Heilsgewissheit. Viele Christen quälen sich mit der Frage: Habe ich auch genug geglaubt? War meine Bekehrung auch echt genug? War meine Entscheidung für Christus auch aufrichtig genug? Diese Fragen sind quälend, weil sie den Blick auf das eigene Innere richten, das ein trügerischer Spiegel ist. Heute fühle ich mich Christus nahe, morgen scheint er fern. Heute glaube ich fest, morgen zweifle ich. Wenn mein Heil auf meinem Glauben ruht, dann ruht es auf einem schwankenden Fundament. Aber die Schrift sagt: Der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen. Der Glaube ist nicht das Fundament meines Heils, sondern das Auge, das das Fundament erkennt. Das Fundament ist Gottes ewige Erwählung. Und die ist so fest wie Gott selbst. Ich darf mit Paulus sprechen: »Ich weiss, an wen ich glaube, und bin gewiss, dass er, was er mir anvertraut hat, bewahren wird bis an jenen Tag.« Drittens: Die Lehre von der Prädestination bewahrt uns vor Verzweiflung im Blick auf die Verlorenen. Wenn das Heil letztlich von der Entscheidung des Menschen abhängt, dann können wir wenig Hoffnung für die haben, deren Herz besonders hart erscheint. Wir können beten, wir können werben, wir können argumentieren, aber am Ende muss der Mensch selbst den entscheidenden Schritt tun. So denken viele. Aber die Prädestinationslehre lehrt uns: Gott kann das härteste Herz brechen. Er kann den grössten Sünder retten. Er hat es bei Manasse getan, er hat es beim Schächer am Kreuz getan, er hat es bei Saulus von Tarsus getan, und er tut es heute noch. Kein Sünder ist zu weit gegangen, als dass die erwählende Gnade ihn nicht mehr erreichen könnte. Das gibt der Evangelisation ihren Mut und der Fürbitte ihre Kraft. Wir streuen den Samen aus, im Vertrauen darauf, dass Gott den Boden bereitet hat. Viertens: Die Lehre von der Prädestination gibt Trost im Leiden. Wenn mein Leben von Ewigkeit her in Gottes Ratschluss beschlossen ist, dann ist auch mein Leiden nicht sinnlos. Jede Träne, jeder Schmerz, jede Enttäuschung ist Teil des Plans, der auf meine ewige Seligkeit zielt. Hiob verstand dies, als er, aller irdischen Güter beraubt, ausrief: Ich weiss, dass mein Erlöser lebt. Und Paulus verstand es, als er den Korinthern schrieb: Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Massen wichtige Herrlichkeit. Die Prädestination umfasst nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg. Und der Weg führt durch das Kreuz. Wie Christus, der Auserwählte Gottes, durch Leiden zur Herrlichkeit ging, so gehen auch seine Glieder durch Leiden zur Herrlichkeit. Der Leidensweg ist nicht die Durchkreuzung des göttlichen Plans, sondern seine Erfüllung. Fünftens: Die Lehre von der Prädestination weitet unser Herz in der Anbetung. Der natürliche Mensch empört sich gegen die souveräne Gnade. Er will mitreden können, will Bedingungen stellen, will Gott zur Rechenschaft ziehen. Aber der wiedergeborene Mensch, der die Tiefe seiner eigenen Verlorenheit erkannt hat und das Wunder der Gnade geschmeckt hat, kann nichts anderes tun als anbeten. Warum ich? Das ist die Frage, die der Himmel nie beantworten wird, weil es keine Antwort gibt ausser der freien Liebe Gottes. Und diese freie Liebe ist der Gegenstand ewiger Anbetung. Das Lied der Erlösten, das durch die Offenbarung des Johannes klingt, ist ein Lied der Anbetung des Lammes, das uns erkauft hat mit seinem Blut aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen. Kein Selbstruhm, kein Verdienst, kein Vergleich mit anderen. Nur Dank, nur Lob, nur Anbetung. Sechstens: Die Lehre von der Prädestination befähigt uns zur Bruderliebe ohne Ansehen der Person. Wenn Gott nach seinem freien Wohlgefallen erwählt, dann erwählt er nicht nach Stand, nicht nach Bildung, nicht nach Rasse, nicht nach Geschlecht. In der Gemeinde Christi sitzen der Reiche und der Arme, der Gebildete und der Ungebildete, der Alteingesessene und der Fremde nebeneinander. Sie alle sind aus demselben Klumpen genommen. Sie alle sind allein aus Gnade gerettet. Das zerstört jede menschliche Hierarchie in der Gemeinde. Der vornehmste Christ ist der begnadigte Christ, und der begnadigte Christ weiss, dass er nichts vorzuweisen hat als die Wunden Christi. Jakobus ermahnte seine Leser, nicht mit Ansehen der Person zu handeln, nicht dem Reichen den Ehrenplatz zu geben und den Armen an den Schemel zu verweisen. Die Prädestinationslehre legt die theologische Axt an die Wurzel solcher Parteilichkeit. Denn vor dem erwählenden Gott gibt es kein Ansehen der Person. Er hat nicht die Edlen und Weisen erwählt, sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache. Und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er das Starke zuschanden mache. Siebtens und letztens: Die Lehre von der Prädestination lässt uns gelassen und unverzagt in eine ungewisse Zukunft schreiten. Die Welt mag in Aufruhr sein. Die Kirche mag bedrängt werden. Unser eigenes Leben mag von Krankheit, Verlust und Tod gezeichnet sein. Aber der Ratschluss Gottes steht fest. Was er beschlossen hat, das führt er auch aus. Kein Feind kann die Auserwählten aus seiner Hand reissen. Keine Macht der Finsternis kann den Plan durchkreuzen, den er vor Grundlegung der Welt gefasst hat. Unser Leben, unser Sterben, unsere Auferstehung, das alles liegt in der Hand dessen, der gesagt hat: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reissen.« Was für eine Ruhe darf in ein Menschenherz einziehen, das dies glaubt. Keine resignierte Schicksalsergebenheit, kein stoischer Gleichmut, sondern die kindliche Gelassenheit dessen, der weiss: Mein Vater hat alles in seiner Hand, und nichts und niemand kann mich aus dieser Hand reissen.

Gebet

Herr, unser Gott und Vater, vor dir verstummen wir. Du hast uns heute einen Blick in die Tiefen deines ewigen Ratschlusses tun lassen, und wir stehen erschüttert und anbetend vor dir. Wir bekennen, dass unser Verstand zu klein ist, um deine Wege zu begreifen, und dass unser Herz oft widerstrebt, wenn es die Lehre von der Verwerfung hört. Aber wir wissen: Du bist der Herr, und dein Wille ist heilig und gerecht und gut. Wir danken dir, dass du uns erwählt hast, ehe der Welt Grund gelegt war. Nicht, weil wir besser wären als andere. Nicht, weil du in uns etwas Liebenswertes gefunden hättest. Sondern allein nach dem Wohlgefallen deines Willens, zum Lob deiner herrlichen Gnade. O Gott, wie können wir dir genug danken für diese unbegreifliche Liebe? Wir waren tot in Übertretungen und Sünden, und du hast uns lebendig gemacht mit Christus. Wir waren Feinde, und du hast uns versöhnt. Wir waren verloren, und du hast uns gefunden. Wir waren blind, und du hast uns die Augen geöffnet. Wir waren stumm, und du hast unseren Mund mit Lob erfüllt. Herr, wir bitten dich für die, die dich noch nicht kennen. Auch unter unseren Lieben sind etliche, die noch ferne stehen. Wir können ihre Herzen nicht ändern. Wir können nur bitten und flehen, dass du dich ihrer erbarmst, wie du dich unser erbarmt hast. Ziehe sie zu deinem Sohn. Öffne ihre Augen für die Herrlichkeit Christi. Brich ihren Widerstand und schenke ihnen Busse und Glauben. Wir wissen, dass du mächtig bist, aus Steinen Kinder Abrahams zu erwecken. So bitten wir für die Härtesten und Fernsten: Erbarme dich, Herr. Lass uns nicht hochmütig werden über unsere Erwählung, sondern demütig und dankbar. Lass uns nicht richten über andere, sondern ihnen dienen in der Liebe Christi. Lass uns nicht verzweifeln an unserer Schwachheit, sondern auf deine Treue vertrauen, die du uns in der Erwählung zugesagt hast. Und lass uns niemals vergessen, dass das Ziel aller Dinge deine Ehre ist. Nicht unsere Seligkeit, so köstlich sie ist, sondern deine Herrlichkeit, die aufstrahlt in der Seligkeit der Erlösten und in der Gerechtigkeit über die Verlorenen. Vater, in einer Welt, die deine Souveränität leugnet, hilf uns, Zeugen deiner freien Gnade zu sein. In einer Zeit, die den Menschen zum Mass aller Dinge macht, hilf uns, auf den zu schauen, der das Mass aller Dinge ist. In einem Geschlecht, das sich seiner Selbstbestimmung rühmt, hilf uns, uns unserer Erwählung zu rühmen: nicht aus eigenem Verdienst, sondern aus deiner freien Barmherzigkeit. Wir beten dies alles im Namen deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, des Auserwählten, in dem wir erwählt sind, des Geliebten, in dem wir geliebt sind, des Gekreuzigten, durch dessen Wunden wir geheilt sind. Ihm sei Ehre und Preis in der Gemeinde und in der ganzen Schöpfung, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
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