Andacht 9 von 171

Die Analogie des Glaubens: Die Schrift legt sich selbst aus

Kap.1: Von der Heiligen Schrift — Abschnitt 9 • 2026-05-15 • 30 Min.

Das Bekenntnis

Die unfehlbare Regel der Schriftauslegung ist die Schrift selbst. Wenn daher eine Frage über den wahren und vollen Sinn einer Schriftstelle entsteht — und dieser ist nicht vieldeutig, sondern einer —, so muss er durch andere Stellen erforscht und erkannt werden, die deutlicher sprechen.
– Westminster Bekenntnis, Kapitel 1, Abschnitt 9

Einleitung

Jeder Leser der Heiligen Schrift steht früher oder später vor einer schwierigen Stelle. Ein Vers scheint einem anderen zu widersprechen. Ein prophetisches Bild bleibt dunkel. Eine apostolische Aussage wirft Fragen auf, die der unmittelbare Zusammenhang nicht beantwortet. Was tun? Zu welchem Richter gehen wir, wenn wir den Sinn der Schrift nicht auf Anhieb fassen? Das Westminster Bekenntnis gibt eine Antwort, die zu den kostbarsten Errungenschaften der Reformation gehört. Es lehrt uns, nicht aus der Schrift herauszulaufen, sondern tiefer in sie hinein. Die Schrift selbst ist ihre eigene Auslegerin, Scriptura sui ipsius interpres. Diese knappe lateinische Formel birgt eine ganze Theologie der Schriftauslegung in sich. Sie schützt die Gemeinde Christi vor zwei grossen Gefahren: vor der Anmassung eines kirchlichen Lehramtes, das sich über die Schrift stellt, und vor der Willkür des einzelnen Lesers, der seinen eigenen Geist zum Richter über Gottes Wort erhebt. Lieber Hörer, der heutige Abschnitt berührt die Frage, wie wir die Bibel recht verstehen. Es geht nicht um akademische Spitzfindigkeit. Es geht um die Gewissheit, dass Gott in seinem Wort klar und verständlich zu uns redet, und dass wir die gottgegebenen Mittel haben, diese Klarheit zu erfassen. Wer dieses Prinzip begreift, dem geht ein Licht auf. Er wird nicht mehr zwischen dem Stuhl Roms und dem Stuhl der Schwärmer hin und her gerissen. Er lernt, mit beiden Füssen auf dem festen Boden der Schrift zu stehen und sich von der Schrift selbst leiten zu lassen.

Die biblischen Grundlagen

Der Grundsatz, dass die Schrift sich selbst auslegt, ist nicht eine Erfindung der Reformatoren. Er erwächst aus der Schrift selbst. Unser Herr Jesus Christus hat ihn vorgelebt, und die Apostel sind ihm darin gefolgt. Wir wollen nun sechs biblische Zeugnisse betrachten, die diese Wahrheit entfalten. Als der auferstandene Christus mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus ging, fanden sie ihn traurig und verwirrt. Sie hatten gehofft, Jesus sei der Erlöser Israels; nun war er gekreuzigt, und ihre Hoffnung lag in Trümmern. Wie antwortet der Herr? Er öffnet nicht den Himmel für eine neue Offenbarung. Er beruft kein Konzil ein. Sondern er legt ihnen die Schrift aus. Lukas berichtet: »Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.« Christus selbst wendet die Regel an, die das Westminster Bekenntnis lehrt. Eine Schriftstelle erhellt die andere. Was bei Mose verhüllt angedeutet wurde, entfaltet sich bei den Propheten. Was die Psalmen besingen, erfüllt sich im Evangelium. Der ganze Rat Gottes erschliesst sich im Zusammenhang des ganzen Wortes. Der Auferstandene hätte den Jüngern in göttlicher Macht einfach den Kopf öffnen und das Verständnis eingiessen können. Stattdessen geht er mit ihnen durch die Bücher des Alten Bundes. Er lehrt sie die Mühe des Vergleichens, des Zusammenschauens, des Entdeckens. Darin liegt ein bleibendes Vorbild für die Gemeinde aller Zeiten. Als später die Apostel in Jerusalem zusammenkamen, um über die Frage zu beraten, ob die Heiden das Gesetz Moses halten müssten, berief sich Jakobus nicht auf eine neue Eingebung. Er zitierte den Propheten Amos und erklärte: »Und damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht.« Der Heilige Geist, der durch Amos geredet hatte, legte nun durch die Ereignisse der Apostelgeschichte und durch den Mund des Jakobus dasselbe Wort aus. Die eine Schriftstelle bestätigte und erhellte die andere. Der Geist widerspricht sich nicht; er entfaltet, was er zuvor verheissen hat. Das ist die analogia fidei, die Übereinstimmung im Glauben: Was Gott durch einen Propheten geredet hat, kann nicht dem widersprechen, was er durch einen Apostel tut. Die Einheit der Schrift gründet in der Einheit ihres göttlichen Urhebers. Der Apostel Petrus schreibt in seinem zweiten Brief einen Satz, den das Westminster Bekenntnis fast wörtlich aufnimmt: »Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.« Dieser Doppelsatz lehrt zweierlei: den göttlichen Ursprung der Schrift und die Grenze menschlicher Auslegung. Weil die Schrift von Gott stammt, darf kein Mensch sie nach eigenem Belieben deuten. Aber wie finden wir dann die rechte Auslegung? Petrus verweist uns nicht auf eine kirchliche Institution. Er verweist uns auf den Zusammenhang der Schrift selbst, die ein einziges Werk des einen Geistes ist. Wer die Schrift eigenmächtig auslegt, löst eine Stelle aus dem göttlichen Zusammenhang und unterwirft sie seinem eigenen Geist. Das eben ist die Sünde, vor der Petrus warnt. Die rechte Auslegung dagegen lässt die Schrift als Ganzes sprechen. Der Apostel Paulus lobt die Gemeinde in Beröa mit den Worten: »Diese aber waren bereitwilliger als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort auf mit aller Bereitschaft und forschten täglich in der Schrift, ob sich's so verhielte.« Die Beröer prüften die apostolische Predigt an der Schrift. Sie stellten nicht menschliche Meinung gegen göttliches Wort, sondern sie verglichen Schrift mit Schrift. Darin liegt das Vorbild für jeden Christen. Nicht blindes Vertrauen auf einen Prediger, nicht kritiklose Hinnahme einer kirchlichen Autorität, sondern eigenes, tägliches Forschen in der ganzen Schrift. Die Beröer werden nicht getadelt für ihr Prüfen; sie werden gelobt. Gott will ein prüfendes Volk, das die Predigt an der Schrift misst und nicht jeden Geist ungeprüft aufnimmt. Paulus selbst gibt dem Timotheus eine Anweisung, die den Kern des reformatorischen Schriftprinzips bildet: »Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weisst ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.« Beachten wir die Reihenfolge: Timotheus kennt die Schrift von Kind auf. Er hat sie nicht als unverständliches Buch kennengelernt, sondern als ein Wort, das »unterweisen kann zur Seligkeit«. Die Schrift ist klar genug, dass sogar ein Kind ihren Heilsweg verstehen kann. Was dunkel bleibt, klärt sich durch das hellere Licht anderer Stellen. Paulus setzt voraus, dass die Schrift in sich selbst verständlich ist, nicht in jedem Detail für jeden Leser sofort, aber in allem, was zur Seligkeit nötig ist. Schliesslich ruft der Prophet Jesaja aus: »Hin zum Gesetz und zum Zeugnis! Wer so nicht spricht, für den gibt es kein Morgenrot.« Wenn Menschen mit neuen Offenbarungen, eigenen Geistern und verführerischen Lehren kommen, verweist Jesaja sie nicht ins Leere. Er verweist sie auf das schon gegebene, geschriebene Wort. Die Schrift ist Massstab und Richterin über alle Geister. Was nicht mit dem Gesetz und dem Zeugnis übereinstimmt, hat kein Licht in sich. Diese alttestamentliche Mahnung ist der Vorläufer der reformatorischen Regel: Die Schrift legt die Schrift aus. Was dunkel ist, wird durch das Helle beurteilt. Was neu zu sein beansprucht, wird am Alten geprüft. Gottes Wort ist in sich selbst genug.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter schrieben diesen Abschnitt in einer Zeit, in der die Frage der Schriftauslegung mit höchster Dringlichkeit gestellt war. Die römische Kirche lehrte, die Heilige Schrift sei dunkel und bedürfe der authentischen Auslegung durch das kirchliche Lehramt. Ohne die Kirche, so behauptete Rom, könne der einzelne Christ die Bibel nicht recht verstehen. Das Konzil von Trient hatte 1546 feierlich erklärt, dass niemand die Schrift gegen den Sinn auslegen dürfe, den die Kirche festlege, und dass dieser Sinn letztlich in der Tradition und im Papsttum verankert sei. Demgegenüber bekannten die Westminster-Väter mit der ganzen reformatorischen Christenheit: Die Schrift ist ihre eigene Auslegerin. Sie braucht keine äussere, menschliche Instanz, die ihr einen Sinn aufzwingt. Ihr Sinn erschliesst sich dem demütigen Leser, der Schrift mit Schrift vergleicht und sich vom Heiligen Geist leiten lässt. Nicht die Kirche steht über der Schrift und legt sie authentisch aus; vielmehr steht die Schrift über der Kirche und richtet sie. Doch die Väter hatten noch einen zweiten Gegner im Blick: die „Enthusiasten" oder „Schwärmer", die sich auf unmittelbare Eingebungen des Geistes beriefen und die geschriebene Schrift gering schätzten. Schon Luther hatte sich mit ihnen auseinandergesetzt. Sie sagten: „Der Geist hat es mir geoffenbart", und stellten ihre innere Erfahrung über das geschriebene Wort. Die Westminster-Väter antworteten darauf: Gerade weil es derselbe Geist ist, der die ganze Schrift eingegeben hat, kann er nicht in einer einzelnen Seele etwas offenbaren, was dem Gesamtzusammenhang der Schrift widerspricht. Jede angebliche Eingebung muss an der Schrift geprüft werden; und innerhalb der Schrift muss die dunklere Stelle an der helleren gemessen werden. Der Geist, der die Schrift gab, ist auch der Geist, der sie auslegt. Aber er tut dies nicht unabhängig von der Schrift, sondern durch die Schrift selbst. Die Formulierung, der Sinn der Schrift sei „nicht vieldeutig, sondern einer", richtet sich gegen eine Auslegungskunst, die im Mittelalter weit verbreitet war: den vierfachen Schriftsinn. Nach dieser Lehre hatte jede Bibelstelle einen buchstäblichen, einen allegorischen, einen moralischen und einen anagogischen Sinn. Was auf den ersten Blick wie geistlicher Tiefsinn erscheint, öffnete in Wirklichkeit Tür und Tor für Willkür. Ein findiger Ausleger konnte aus ein und derselben Stelle alles herauslesen, oder vielmehr: alles in sie hineinlesen. Die Reformatoren bestanden auf dem einfachen, buchstäblichen Sinn, der sich aus dem Zusammenhang der ganzen Schrift ergibt. Das schloss geistliche Anwendung und typologische Bezüge nicht aus, aber es band sie an den festen Grund des Wortsinns. Du kannst die geistliche Bedeutung einer Stelle nicht erfinden; du musst sie aus dem finden, was der Heilige Geist an anderer Stelle selbst dazu sagt.

Theologische Tiefe

Die Lehre von der Schrift als ihrer eigenen Auslegerin ruht auf zwei Fundamenten, die untrennbar zusammengehören: der Einheit der Schrift und der Klarheit der Schrift. Beide Wahrheiten sind nicht Ergebnisse menschlicher Theologie, sondern Eigenschaften, die der Schrift von ihrem göttlichen Ursprung her zukommen. Heinrich Bullinger, der grosse Zürcher Nachfolger Zwinglis und Verfasser des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses, schrieb im Jahr 1566: „Die Auslegung der Heiligen Schrift soll sich nach der Schrift selbst richten, das heisst, sie soll aus ihrem eigenen Geist, aus dem Zusammenhang der Worte, aus der Vergleichung der vorhergehenden und nachfolgenden Stellen und aus der Analogie des Glaubens hervorgehen." Bullinger betonte dabei, dass dies keine menschliche Erfindung sei, sondern dem Wesen der Schrift selbst entspreche. Weil Gott der eine Urheber der ganzen Schrift ist, kann sie sich nicht selbst widersprechen. Was an einer Stelle dunkel erscheint, findet an anderer Stelle sein Licht. Das Zweite Helvetische Bekenntnis, das über die Schweiz hinaus für die ganze reformierte Welt prägend wurde, verankerte diese Wahrheit im Bekenntnis der Kirche. Es ist nicht die Privatmeinung eines einzelnen Reformators; es ist der gemeinsame Glaube der reformierten Christenheit. Huldrych Zwingli, der das reformierte Zürich auf das Schriftprinzip gründete, hatte bereits 1522 in seiner Schrift „Von Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes" einen Ton angeschlagen, der die ganze reformierte Tradition prägen sollte. Zwingli bestand darauf, dass Gottes Wort in sich selbst klar sei, nicht weil jeder Mensch es auf Anhieb vollkommen versteht, sondern weil Gott durch seinen Geist dem demütigen Hörer die Augen öffnet. Die Klarheit liegt im Wort, nicht im Leser. Aber der Geist, der das Wort gab, wirkt auch im Leser, um es aufzuschliessen. Zwingli schrieb: „Das Wort Gottes ist gewiss und kann nicht fehlen. Es ist hell und klar und lässt die Menschen nicht in der Finsternis irren, sondern leuchtet ihnen den Weg zur Seligkeit." Diese Überzeugung trieb Zwingli an, die Schrift in der Predigt fortlaufend auszulegen, Vers für Vers, Buch für Buch, das sogenannte lectio continua, das zum Markenzeichen der reformierten Predigt wurde. Er war überzeugt: Wenn die Gemeinde das ganze Wort Gottes hört, wird der Geist durch das Wort selbst das Verständnis wirken. Johannes Calvin, dessen Institutio für die Westminster-Väter die tiefste theologische Quelle war, widmete dem Verhältnis von Geist und Schrift ein ganzes Kapitel. In Institutio I, 9 legt er dar, dass der Heilige Geist niemals von der Schrift wegführt, sondern immer in sie hinein. Die „Schwärmer", die den Geist gegen die Schrift ausspielen, trennen, was Gott zusammengefügt hat. Calvin schreibt: „Denn der Herr hat durch gegenseitige Verbindung die Gewissheit seines Wortes und seines Geistes miteinander verknüpft, damit die feste Ehrfurcht vor dem Wort in unseren Herzen Wurzel schlage, wenn der Geist, der uns das Antlitz Gottes leuchten lässt, uns erleuchtet; und damit wir umgekehrt den Geist ohne Truggefahr aufnehmen, wenn wir ihn an seinem eigenen Bilde, das heisst im Wort, erkennen." Das ist die grosse Wechselbeziehung: Das Wort ohne den Geist bleibt toter Buchstabe; aber der Geist ohne das Wort führt in die Irre. Beide gehören zusammen wie Licht und Auge. Calvins Formulierung ist so grundlegend, dass sie in die reformierte Bekenntnisbildung eingegangen ist. Die Westminster-Väter zitieren ihn nicht wörtlich, aber sie atmen seine Luft in jedem Satz. Francis Turretin, der grosse Genfer Theologe der reformierten Orthodoxie, entfaltete die Lehre von der Schriftauslegung mit scholastischer Präzision. In seinen „Institutes of Elenctic Theology" fragt er: „Muss die Schrift mit der höchsten Ehrfurcht und Gebet gelesen werden, und ist sie ihre eigene Auslegerin? Ja, gegen die Papisten." Turretin unterscheidet sorgfältig zwischen der Frage, wer die Schrift authentisch auslegen könne, und der Frage, wie die Schrift ausgelegt werde. Die römische Kirche behauptete, das Lehramt sei der authentische Ausleger. Die Reformatoren antworteten: Der Heilige Geist ist der authentische Ausleger, und er tut sein Werk durch die Schrift selbst. Nicht ein Konzil, nicht ein Papst, sondern die Schrift im Munde des Geistes legt die Schrift aus. Turretin zeigt, dass der Streit letztlich kein akademischer ist, sondern einer zwischen zwei einander ausschliessenden Autoritäten: Rom oder die Schrift. Ein Mittleres gibt es nicht. Thomas Watson, der englische Puritaner, brachte diese tiefe Wahrheit in die Sprache des Herzens. In seinem „Body of Divinity" schreibt er: „Die Schrift ist der Schlüssel, der die Schrift öffnet. Wie ein Psalm die Melodie eines anderen aufnimmt, so erklärt ein Bibelwort das andere." Watson verglich die Schrift mit einem grossen Wald: Wer an seinem Rand steht, sieht nur Dickicht und Dunkelheit. Wer aber tiefer eindringt, entdeckt Wege und Lichtungen. Die dunklen Stellen sind nicht Mauern, die den Zugang versperren; sie sind Türen, die sich durch andere Schriftstellen öffnen lassen. Diese bildhafte Sprache Watsons macht deutlich, dass die Lehre von der Schriftauslegung nicht nur für Theologen bestimmt ist. Sie gehört dem einfachsten Christen, der mit Gebet und Fleiss die Bibel liest. William Whitaker, der anglikanische Kontroverstheologe des 16. Jahrhunderts, dessen „Disputation on Holy Scripture" zu den gründlichsten reformierten Werken über die Schrift zählt, formulierte den Grundsatz so: „Es gibt keinen besseren und sichereren Ausleger der Schrift als die Schrift selbst. Denn da sie von ein und demselben Geist hervorgebracht wurde, ist es höchst wahrscheinlich, dass sie sich selbst am besten versteht." Whitaker wies darauf hin, dass Christus selbst, als er vom Teufel versucht wurde, nicht mit neuen Offenbarungen antwortete, sondern mit der Schrift: „Es steht geschrieben." Der Sohn Gottes vertraute dem geschriebenen Wort mehr als seiner eigenen göttlichen Macht, welch ein Beispiel für uns. Wenn der Herr selbst sich an die Schrift band, wie viel mehr sollten wir es tun. A. A. Hodge, der amerikanische Presbyterianer des 19. Jahrhunderts, fasste in seinem Kommentar zum Westminster Bekenntnis die Lehre prägnant zusammen: Die Schrift legt die Schrift aus, und zwar nach zwei Regeln. Erstens: Die dunkleren Stellen müssen durch die klareren ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Zweitens: Keine Stelle darf so ausgelegt werden, dass sie dem Gesamtzeugnis der Schrift, der analogia fidei, widerspricht. Hodge betonte, dass diese Regeln nicht willkürlich sind. Sie ergeben sich aus der Natur der Schrift als Gottes Wort. Ein weiser Vater redet nicht in Rätseln, wenn er seinen Kindern den Weg zum Heil zeigt. Was er klar sagt, ist der Schlüssel für das, was er weniger klar sagt. Wer die klaren Stellen beiseiteschiebt, um aus dunklen Stellen neue Lehren zu errichten, verdreht die Ordnung, die Gott selbst in sein Wort gelegt hat. Robert Shaw, der schottische Theologe, dessen „Exposition of the Confession of Faith" Generationen von Presbyterianern als Lehrbuch diente, fügte einen wichtigen pastoralen Hinweis hinzu: Die Regel, dass die Schrift sich selbst auslegt, befreit den einfachen Christen von der Abhängigkeit von menschlichen Autoritäten. Shaw schrieb: „Der Weg zur Erkenntnis der Wahrheit steht jedem Christen offen, der die Schrift mit Gebet und Fleiss studiert." Er erinnerte daran, dass die Beröer nicht deswegen gelobt wurden, weil sie Akademiker waren, sondern weil sie die Schrift täglich erforschten. Der Heilige Geist, der die Schrift eingegeben hat, wohnt in jedem Gläubigen und befähigt ihn, die Wahrheit zu erkennen, nicht ohne die Hilfe von Lehrern, aber unabhängig von jeder menschlichen Letztinstanz. Die tiefste Grundlage dieser Lehre liegt in der Theologie des Wortes Gottes selbst. Der dreieinige Gott offenbart sich durch sein Wort. Der Vater spricht, der Sohn ist das Wort, der Geist haucht das Wort ein und legt es aus. Die Schrift ist das Werk des dreieinigen Gottes. Darum kann sie nicht zerrissen werden. Ihre Einheit gründet in der Einheit Gottes. Was Mose schrieb und was Paulus schrieb, was David sang und was Johannes schaute, es ist eine Symphonie, komponiert von einem Meister, auch wenn die Instrumente und Tonlagen wechseln. Diese innere Einheit der Schrift ist kein frommer Wunsch, sondern eine theologische Notwendigkeit. Wer sie leugnet, leugnet letztlich, dass Gott der Urheber der ganzen Schrift ist. Theodor Beza, Calvins Nachfolger in Genf, verteidigte diese Einheit gegen Angriffe von allen Seiten. Er betonte, dass die analogia fidei, die Übereinstimmung im Glauben, die Klammer sei, die das Ganze zusammenhalte. Keine Schriftstelle darf gegen das Grundbekenntnis des Glaubens ausgelegt werden, weil die Schrift als Ganze dieses Bekenntnis klar und vielfach bezeugt. Was dunkel ist, muss im Licht dessen gelesen werden, was klar ist. Beza schrieb: „Die wenigen Stellen, die in der Schrift dunkel zu sein scheinen, sind wie die Schatten in einem Gemälde: Sie lassen das Licht der klaren Stellen nur umso heller hervortreten." Bezas Bild vom Gemälde ist hilfreich: Ein Maler setzt Schatten nicht, um das Bild zu verdunkeln, sondern um die Helligkeit der beleuchteten Partien zu steigern. So sind auch die dunklen Stellen der Schrift nicht dazu da, uns zu verwirren, sondern dazu, die hellen umso deutlicher hervortreten zu lassen. Pierre Viret, der Reformator der Waadt und Freund Calvins, brachte diese Lehre dem einfachen Volk nahe. In seinen „Unterredungen" (Dialogues), die zu den meistgelesenen Büchern der französischen Reformation gehörten, verglich er die Schrift mit einem Brief eines liebenden Vaters an seine Kinder. Ein solcher Brief, sagte Viret, ist in sich selbst verständlich. Wer einen Brief vom Vater bekommt, braucht keinen Dritten, der ihm sagt, was der Vater gemeint habe. Er liest den ganzen Brief, und was er auf der ersten Seite nicht versteht, erklärt die dritte. So ist es mit der Heiligen Schrift: Gott hat uns nicht ein Rätselbuch gegeben, sondern einen Brief, dessen Sinn sich dem aufmerksamen und betenden Leser erschliesst. Virets Vergleich ist ebenso schlicht wie überzeugend. Er nimmt der Schrift das Geheimnisvolle, das Rom ihr andichtete, und stellt sie als das dar, was sie ist: Gottes verständliche Anrede an seine Kinder.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Lerne, die ganze Schrift zu lesen. Die Versuchung ist gross, sich auf die vertrauten, hellen Stellen zu beschränken und die dunklen zu meiden. Wir haben alle unsere Lieblingsbücher der Bibel, die Psalmen vielleicht, oder das Johannesevangelium, oder den Römerbrief. Doch gerade die schwierigen Passagen bergen Schätze, die sich nur dem erschliessen, der gräbt. Wer nur die Evangelien liest und die Propheten links liegen lässt, verarmt. Wer sich nur an die Psalmen hält und das Gesetz Moses übergeht, versteht die Psalmen selbst nur halb. Die Bibel ist ein organisches Ganzes. Ein Arzt, der nur das Herz studiert und nie die Lunge, wird kein guter Mediziner. So versteht auch der Christ die einzelnen Teile der Schrift nur recht, wenn er das Ganze kennt. Nimm dir vor, die Bibel in ihrem vollen Umfang zu lesen, nicht als Pflichtübung, sondern als Entdeckungsreise. Lies die Bücher, die du bisher gemieden hast: die Chronik, den Prediger, die kleinen Propheten, den Judasbrief. Du wirst staunen, wie die vertrauten Stellen plötzlich in neuem Licht erscheinen, wenn du den ganzen Zusammenhang kennst. Zweitens: Vertraue der Klarheit der Schrift in den Dingen, die zum Heil notwendig sind. Die Reformatoren lehrten nicht, dass jeder Vers der Bibel für jeden Leser sofort durchsichtig sei. Sie lehrten, dass alles, was wir zum Glauben und zum gottgefälligen Leben brauchen, in der Schrift klar und verständlich dargelegt ist. Du musst kein Gelehrter sein, um zu wissen, dass du ein Sünder bist und Christus dein Erlöser. Du brauchst kein Hebräisch, um das Vaterunser zu beten. Der Weg des Heils ist eine breite, helle Strasse durch die ganze Schrift, von der Verheissung des Nachkommens der Frau in 1. Mose bis zum neuen Jerusalem in der Offenbarung. Was am Rande dieser Strasse im Schatten liegt, mag deine Neugier reizen; aber es gefährdet dein Heil nicht. Halte dich an das Helle. Von dort aus fällt Licht auf das Dunkle. Calvin verglich die Schrift mit einer Brille: Sie korrigiert unser getrübtes Sehvermögen. Aber die Brille liegt bereit. Du musst sie nur aufsetzen. Drittens: Prüfe jede Predigt und jede Lehre an der Schrift, wie die Beröer es taten. In unseren Tagen werden unzählige Stimmen laut, die alle beanspruchen, biblisch zu sein. Der eine Prediger betont diese Wahrheit, der andere jene. Ein Buch rühmt sich, „bibeltreu" zu sein, und vertritt doch seltsame Lehren. Wie sollen wir urteilen? Indem wir nicht den Prediger gegen den Prediger ausspielen, sondern beide an der Schrift messen. Und nicht an einzelnen, herausgerissenen Versen, sondern am ganzen Rat Gottes. Eine Lehre, die sich nur auf eine isolierte Stelle stützt und dem Gesamtzeugnis der Schrift widerspricht, ist falsch, mag der Prediger noch so fromm und überzeugend auftreten. Gewöhne dir an, bei jeder Predigt die angegebenen Bibelstellen zu Hause nachzulesen. Frage dich: Steht das wirklich da? Was sagt der Zusammenhang? Was sagen andere Stellen zum selben Thema? Diese Gewohnheit wird dich vor mancher Irrlehre bewahren und dein geistliches Urteilsvermögen schärfen. Die Gemeinde in Beröa ist nicht als Vorbild für Theologieprofessoren in der Bibel; sie ist Vorbild für jeden einfachen Christen. Viertens: Demütige dich unter die Schrift, statt dich über sie zu stellen. Die grösste Gefahr bei der Auslegung ist der Hochmut. Wir kommen mit unseren Fragen, unseren Vorurteilen, unseren Wünschen zur Bibel und suchen Bestätigung statt Belehrung. Wir wollen, dass die Schrift unsere politischen Ansichten stützt, unsere Lebensentscheidungen rechtfertigt, unser Wohlbefinden fördert. Aber die Schrift ist nicht unser Dienstbote; wir sind ihre Diener. Jedes Mal, wenn du die Bibel aufschlägst, bete mit Samuel: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört." Und sei bereit, das zu hören, was du nicht hören willst. Die Bibel hat die unbequeme Eigenschaft, uns zu widersprechen. Sie deckt unsere Lieblingssünden auf. Sie stellt unsere klugen Argumente in Frage. Sie lässt unsere Ausreden nicht gelten. Der demütige Leser empfängt das als Zurechtweisung des Vaters; der hochmütige Leser sucht nach Wegen, die unbequemen Stellen umzudeuten oder zu übergehen. Prüfe dich selbst: Suchst du in der Bibel Gottes Willen oder deine eigene Bestätigung? Fünftens: Suche Gemeinschaft mit anderen Christen beim Lesen und Auslegen der Schrift. Der Heilige Geist lehrt nicht nur den einzelnen Christen; er lehrt die ganze Gemeinde durch die Jahrhunderte. Wer meint, er allein verstehe eine Stelle recht, während die gesamte Kirche aller Zeiten sie anders verstanden hat, sollte erschrecken und sich prüfen. Die Reformatoren beriefen sich nicht auf ihre eigene neue Einsicht, sondern auf das Zeugnis der alten Kirche, der Kirchenväter, Augustins und der frühen Konzilien, soweit diese der Schrift gemäss waren. Sie brachen nicht mit der Tradition, wo die Tradition mit der Schrift übereinstimmte. Lies die Bibel nicht isoliert. Lies sie mit den Gläubigen deiner Gemeinde. Lies sie mit den Auslegern der Vergangenheit, mit Calvin und Bullinger, mit Zwingli und Luther, mit Augustin und Chrysostomus. Ihre Einsichten sind nicht unfehlbar, aber sie bewahren dich vor den Irrwegen des Eigengeistes. Die Wolke der Zeugen, die vor uns gegangen sind, ist ein Geschenk Gottes an seine pilgernde Gemeinde. Sechstens: Bete um die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Die Schrift ist klar, aber unsere Augen sind blind, von Natur aus und durch die Sünde getrübt. Darum genügt es nicht, den Verstand anzustrengen. Wir brauchen den Geist, der die Schrift eingegeben hat, um sie zu verstehen. Calvin nannte dies das „innere Zeugnis des Heiligen Geistes". Es ist nicht eine neue Offenbarung neben der Schrift, sondern die Erleuchtung, die uns die Wahrheit der Schrift erkennen und im Herzen aufnehmen lässt. Vor jedem Lesen, vor jedem Hören einer Predigt, vor jedem Gespräch über Gottes Wort sollten wir beten: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz." Ohne dieses Gebet bleibt unser Bibellesen trocken und unser Verständnis oberflächlich. Mit diesem Gebet wird selbst das schlichteste Lesen zu einer Begegnung mit dem lebendigen Gott. Der Heilige Geist ist nicht fern; er wohnt in jedem Gläubigen. Er wartet darauf, uns die Schrift aufzuschliessen. Aber er will gebeten sein. Mach es dir zur Gewohnheit, vor dem Aufschlagen der Bibel ein kurzes, stilles Gebet zu sprechen. Du wirst den Unterschied erfahren.

Gebet

Himmlischer Vater, du hast uns dein Wort gegeben als Licht auf unserem Weg und als Speise für unsere Seelen. Wir danken dir, dass dein Wort nicht dunkel und verschlossen ist, sondern klar und zugänglich für alle, die dich suchen. Wir preisen dich, dass du nicht nur zu den Gelehrten redest, sondern zu den Kleinen und Unmündigen, denen du geoffenbart hast, was den Weisen dieser Welt verborgen bleibt. Herr, wir bekennen, dass wir dein Wort oft nachlässig lesen. Wir überfliegen die vertrauten Stellen und meiden die schwierigen. Wir suchen Bestätigung für unsere eigenen Gedanken, statt uns von dir zurechtweisen zu lassen. Wir vertrauen mehr auf menschliche Ausleger als auf deinen Geist. Vergib uns diese Trägheit und diesen Hochmut. Sende deinen Heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit leitet. Öffne uns die Augen, damit wir die Wunder deines Gesetzes schauen. Lehre uns, Schrift mit Schrift zu vergleichen, das Dunkle durch das Helle zu verstehen und den ganzen Rat deines Wortes zu erfassen. Bewahre uns davor, einzelne Verse aus dem Zusammenhang zu reissen und nach unserem eigenen Gutdünken auszulegen. Herr Jesus Christus, du selbst hast den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus die Schrift ausgelegt und ihr Herz brennend gemacht. Gehe auch mit uns, wenn wir dein Wort lesen. Lass uns dich darin finden, nicht als toten Buchstaben, sondern als das lebendige Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. Heiliger Geist, der du die Propheten und Apostel getrieben hast, das Wort Gottes aufzuschreiben, treibe auch uns, es zu lesen, zu lieben und zu bewahren. Lass dein Wort reichlich in uns wohnen. Mache es zur Freude unseres Herzens und zum Licht auf allen unseren Wegen. Wenn wir müde sind, sprich uns zu durch die Verheissungen der Schrift. Wenn wir zweifeln, festige uns durch die Zusagen deines Bundes. Wenn wir sündigen, rufe uns zur Busse durch die Stimme deines Gesetzes und tröste uns durch das Evangelium deiner Gnade. Dreieiniger Gott, wir vertrauen uns deinem Wort an. Es ist gewisser als alles, was wir sehen und fühlen. Himmel und Erde werden vergehen, aber dein Wort bleibt in Ewigkeit. In diesen unruhigen Zeiten, in denen so viele Stimmen auf uns einreden, lass uns festhalten an dem, was du geredet hast. Dein Wort ist unser Trost im Leiden, unsere Waffe im Kampf und unsere Hoffnung im Sterben. Amen.
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