Andacht 8 von 171

Die Ursprachen der Schrift: Gottes Wort auf Hebräisch und Griechisch für alle Völker

Kap.1: Von der Heiligen Schrift — Abschnitt 8 • 2026-05-14 • 22 Min.

Das Bekenntnis

Das Alte Testament auf Hebräisch – welches die Muttersprache des Volkes Gottes war – und das Neue Testament auf Griechisch – welches zur Zeit seiner Abfassung den Völkern am meisten bekannt war – sind, da sie unmittelbar von Gott eingegeben und durch seine besondere Fürsorge und Vorsehung in allen Zeitaltern rein erhalten wurden, daher authentisch. So dass die Kirche in allen religiösen Streitigkeiten endgültig an sie appellieren muss. Weil aber diese Ursprungssprachen nicht allen Kindern Gottes bekannt sind, die ein Recht auf die Schriften haben und Interesse an ihnen haben und geboten sind, sie in der Furcht Gottes zu lesen und zu erforschen, sollen sie in die Landessprache einer jeden Nation übersetzt werden, zu der sie kommen, damit das Wort Gottes reichlich in allen wohne, sie ihn auf eine angenehme Weise anbeten und durch Geduld und Trost der Schriften Hoffnung haben mögen.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 1, Abschnitt 8

Einleitung

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, welches Wunder vor dir liegt, wenn du deine deutsche Bibel aufschlägst? Du liest Worte, die auf Hebräisch, Aramäisch und Griechisch geschrieben wurden – Sprachen, die von alten Völkern in Ländern gesprochen wurden, die weit von dir entfernt sind. Die Propheten Israels sprachen in den rauen Konsonanten des Hebräischen. Die Apostel schrieben im Griechischen des Mittelmeerraums. Und dennoch liest du ihre Worte heute in deiner eigenen Sprache, so mühelos, wie du einen Brief eines Freundes lesen würdest. Hast du dir je die Frage gestellt, wie diese Worte den Weg vom alten Israel und der apostolischen Kirche in deine Hände gefunden haben? Die Westminster-Väter widmeten einen ganzen Abschnitt des Bekenntnisses der Frage nach den Ursprungssprachen der Schrift und ihrer Übersetzung in die Sprachen der Völker. Sie verstanden etwas, das der moderne Leser nur allzu leicht vergisst: Die Bibel fiel nicht in deutscher Sprache vom Himmel, in schwarzes Leder gebunden mit Goldschnitt und mit Luthers Vorrede versehen. Sie kam zu uns durch eine bestimmte Geschichte – durch göttliche Inspiration, durch Vorsehung bewahrt und durch treue Übersetzung. Diese Geschichte zu verstehen bedeutet, unsere Dankbarkeit für das Wort, das wir halten, zu vertiefen und unser Vertrauen in seine Autorität zu stärken. Das Bekenntnis lehrt drei grosse Wahrheiten in diesem Abschnitt. Erstens: Die Schriften in ihren Ursprungssprachen sind authentisch – sie tragen das volle Gewicht göttlicher Autorität. Der Ausdruck authentisch bedeutet, dass sie die massgebliche, verbindliche Urkunde des Glaubens sind, so wie das Original eines königlichen Erlasses allein rechtskräftig ist. Zweitens: Gott hat diese Urtexte durch seine besondere Fürsorge und Vorsehung rein erhalten. Drittens: Weil die Ursprungssprachen nicht allen Kindern Gottes bekannt sind, müssen die Schriften in die Landessprache einer jeden Nation übersetzt werden. Jede dieser Wahrheiten hat tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie wir das Wort Gottes lesen, vertrauen und schätzen.

Die biblischen Grundlagen

Der Apostel Paulus legt den Grund für die Lehre von den göttlichen Orakeln, wenn er an die Römer schreibt. Römer 3,1-2 – »Was haben denn die Juden für einen Vorzug? Oder was nützt die Beschneidung? Viel, in jeder Weise. Vor allem, dass ihnen die Worte Gottes anvertraut sind.« Das griechische Wort für anvertraut ist episteuthesan, von pisteuo, was bedeutet, etwas Wertvolles zur sicheren Aufbewahrung zu übergeben – wie ein König seinen Siegelring einem treuen Diener anvertraut. Gott vertraute seine lebendigen Worte dem jüdischen Volk als einen heiligen Schatz an. Dieses Anvertrauen umfasste nicht nur den Inhalt der Offenbarung, sondern die Sprache selbst, in der sie gegeben wurde. Die hebräische Sprache war nicht zufällig die Sprache des Alten Testaments, sondern von Gott dafür erwählt. Unser Herr Jesus Christus selbst berief sich auf die hebräischen Schriften als autoritativ in ihrer ursprünglichen Form. Matthäus 5,18 – »Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.« Der kleinste Buchstabe ist das Jod, der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabets, nicht grösser als ein Apostroph in unserer deutschen Schrift. Das Tüpfelchen ist ein kleiner dekorativer Strich, ein Keren auf Hebräisch, der einen hebräischen Buchstaben von einem anderen unterscheidet – zum Beispiel unterscheidet das Tüpfelchen den Buchstaben Resch vom Dalet. Wenn Christus sagt, dass nicht einmal diese kleinsten Merkmale des geschriebenen Textes vergehen werden, bestätigt er, dass die Autorität der Schrift sich bis auf die einzelnen Buchstaben erstreckt. Dies ist von unschätzbarem Wert für unser Verständnis der Inspiration. Der Apostel Petrus, der an die Gemeinden in Kleinasien schreibt, stellt die neutestamentlichen Schriften neben die des Alten Testaments. 2. Petrus 3,15-16 – »Und die Geduld unseres Herrn achtet für eure Rettung, wie auch unser lieber Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, euch geschrieben hat, wie er auch in allen Briefen davon redet. In ihnen ist manches schwer zu verstehen, was die Ungelehrten und Ungefestigten verdrehen, wie auch die anderen Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis.« Petrus nennt hier die Briefe des Paulus Schriften – dasselbe griechische Wort graphas, das für die alttestamentlichen Schriften verwendet wird. Dies ist eines der frühesten und wichtigsten Zeugnisse für die Anerkennung der neutestamentlichen Schriften als göttlich inspirierte Schrift, die auf einer Stufe mit dem Alten Testament steht. Der Psalmist gibt uns die rechte Herzenshaltung gegenüber dem Wort Gottes. Psalm 119,105 – »Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.« Dies ist der Herzschlag der reformierten Lehre von der Schrift. Das Wort ist eine Leuchte – es gibt Licht genug für den Weg, den wir gehen müssen. Und dieses Licht muss in einer Sprache leuchten, die wir verstehen können. Eine Leuchte in einer Sprache, die wir nicht lesen können, ist gar keine Leuchte. Hier liegt der tiefe Zusammenhang zwischen der Lehre von der Klarheit der Schrift aus Abschnitt 7 und der Lehre von der Übersetzung in Abschnitt 8. Der Apostel Paulus befiehlt Timotheus das Studium der Schriften, wobei er ihre Autorität in ihrem göttlichen Ursprung begründet. 2. Timotheus 3,16-17 – »Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.« Das Wort eingegeben übersetzt das griechische theopneustos – von Gott eingehaucht, Gottes Odem, Gottes Atem. Die Schriften sind nicht bloss die Aufzeichnungen heiliger Männer, die aus eigener Weisheit schrieben; sie sind der Atem Gottes selbst. Und weil sie von Gott eingehaucht sind, tragen sie eine Autorität, die keine Übersetzung mindern und keine menschliche Tradition ersetzen kann. Der Apostel Paulus bezeugt auch die öffentliche Lesung der Schrift in den Gemeinden. Kolosser 4,16 – »Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodizea gelesen werde und dass ihr den Brief aus Laodizea lest.« Hier sehen wir die apostolische Praxis, inspirierte Schriften in der Versammlung des Volkes zu lesen – in der Sprache des Volkes. Paulus setzt voraus, dass die Kolosser und Laodizener die apostolischen Schriften in Griechisch hören und verstehen können, der damaligen gemeinsamen Sprache des östlichen Mittelmeerraums.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter befassten sich mit einer spezifischen und dringenden Kontroverse, die die Kirche jahrhundertelang beschäftigt hatte. Die römisch-katholische Kirche hatte durch das Konzil von Trient (1545-1563) erklärt, dass die lateinische Übersetzung des Hieronymus, die Vulgata, der authentische Text der Schrift für die öffentliche Lesung, Disputation, Predigt und Auslegung sei. Das Konzil verfügte, dass niemand die Schrift gegen den Sinn der Mutterkirche auslegen dürfe, den sie stets festgehalten habe. Dies stellte die Schrift faktisch unter die Kontrolle des Klerus und hielt sie dem gemeinen Volk fern. Die Reformation war im Kern ein Kampf um die Bibel in der Sprache des Volkes. Die Westminster-Väter, die in der grossen reformatorischen Tradition standen, wollten davon nichts wissen. Sie bekräftigten mit Luther, Calvin, Zwingli und allen Reformatoren, dass die Schrift dem ganzen Volk Gottes gehört, und dass das Recht des einzelnen Gläubigen, die Schrift für sich selbst unter der Führung des Heiligen Geistes zu lesen und auszulegen, ein grundlegendes Prinzip des christlichen Glaubens ist. Dem Volk die Schrift in seiner eigenen Sprache zu verweigern, bedeutet, ihm die Mittel des Heils zu verweigern. Luther hatte dies bereits in seiner Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation mit aller Deutlichkeit ausgesprochen. Aber die Väter waren gleichermassen besorgt um die Autorität der Urtexte. Sie wussten, dass Übersetzungen, so treu und gelehrt sie auch sein mögen, Menschenwerke sind. Die hebräischen und griechischen Originale, die unmittelbar von Gott eingegeben wurden, tragen eine Autorität, die keine Übersetzung vollständig nachbilden kann. Deshalb bestanden sie darauf, dass in allen religiösen Streitigkeiten die Kirche endgültig an sie appellieren muss. Wenn eine Übersetzung angezweifelt wird, wenn der Sinn einer Stelle umstritten ist, wenn eine Lehre auf dem Spiel steht, dann ist die letzte Berufungsinstanz nicht ein Kirchenkonzil, nicht ein menschlicher Lehrer, und wäre er noch so gelehrt, sondern der hebräische und griechische Urtext. Die Formulierung durch seine besondere Fürsorge und Vorsehung in allen Zeitaltern rein erhalten ist von grosser Bedeutung und wurde viel diskutiert. Die Väter waren nicht naiv über die Geschichte der Textüberlieferung. Sie wussten, dass sich im Laufe der Jahrhunderte des Abschreibens kleinere Schreibfehler und Varianten in die Handschriften eingeschlichen hatten. Die Wissenschaft der Textkritik steckte im siebzehnten Jahrhundert noch in den Kinderschuhen, aber die Väter waren sich bewusst, dass keine zwei Handschriften in jedem Buchstaben identisch waren. Dennoch bekräftigten sie, dass Gottes besondere Fürsorge und Vorsehung die wesentliche Reinheit des Textes bewahrt hatte. Dies ist keine Lehre von der absoluten Irrtumslosigkeit jedes einzelnen kopierten Buchstabens – die handschriftliche Überlieferung zeigt kleinere Varianten in der Schreibweise und Wortstellung. Es ist vielmehr eine Lehre von der bewahrenden Vorsehung Gottes in allen Dingen, die für Glauben und Leben notwendig sind.

Theologische Tiefe

Johannes Calvin, der grosse Reformator Genfs, schrieb in seiner Institutio ausführlich über die Notwendigkeit der Schrift in der Volkssprache. Calvin selbst predigte und schrieb auf Französisch, der Sprache des gemeinen Volkes in Genf. Er gründete die Genfer Akademie zur Ausbildung von Predigern, die das Wort in der Sprache des Volkes verkündigen konnten. In seinem Kommentar zu 2. Timotheus 3,16 schreibt Calvin: Die Schrift ist die Schule des Heiligen Geistes, in der nichts ausgelassen wird, was notwendig und nützlich zu wissen ist. Wenn die Schrift eine Schule ist, muss sie eine Schule sein, deren Türen allen offen stehen – nicht nur den gelehrten Klerikern, sondern auch dem einfachsten Handwerker. Calvin verstand, dass die Übersetzung der Schrift keine blosse Bequemlichkeit, sondern eine geistliche Notwendigkeit ist. Ulrich Zwingli, der Reformator Zürichs, kämpfte sein Leben lang für die Übersetzung der Schrift in die deutsche Sprache. Er selbst predigte auf Deutsch, obwohl er fliessend Latein und Griechisch beherrschte, und legte die Schrift in der Volkssprache aus. Seine Zürcher Bibelübersetzung, die gemeinsam mit Leo Jud und anderen erarbeitet wurde und 1531 erschien, war ein Meilenstein der Reformation. Zwingli lehrte, dass die Schrift allein die Autorität für Glauben und Leben sei, und dass jeder Gläubige das Recht habe, sie in seiner Muttersprache zu lesen. In seiner wegweisenden Schrift Von der Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes argumentiert Zwingli, dass das Wort Gottes klar und gewiss ist, wenn es durch den Heiligen Geist erleuchtet wird – und dass diese Klarheit nicht an die Gelehrsamkeit des Lesers gebunden ist. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Zürich und einer der einflussreichsten Theologen des reformierten Protestantismus, setzte dieses Werk mit grosser Treue fort. In seiner Zweiten Helvetischen Bekenntnis, die von vielen reformierten Kirchen in ganz Europa angenommen wurde und für die englische Reformation von grosser Bedeutung war, schrieb er: Wir lehren, dass die Schrift das wahre Wort Gottes sei, dass sie vom Heiligen Geist eingegeben und durch die Propheten und Apostel überliefert wurde. Bullinger betonte, dass die Schrift in die Sprachen aller Völker übersetzt werden müsse, damit alle Menschen sie lesen und verstehen könnten. Sein Einfluss auf die englische Reformation war enorm – die Zweite Helvetische Bekenntnis wurde von der Kirche von England hoch geschätzt und beeinflusste die Westminster-Väter selbst. Theodor Beza, Calvins Nachfolger in Genf, war selbst ein bedeutender Gelehrter der griechischen Sprache. Er gab mehrere kritische Ausgaben des griechischen Neuen Testaments heraus und betonte die Bedeutung der Ursprachen für die richtige Auslegung der Schrift. Seine textkritische Arbeit legte den Grund für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem griechischen Text der folgenden Jahrhunderte. Beza verstand, dass die Kirche ohne Zugang zu den Ursprungssprachen der Willkür der Übersetzer und der Tradition ausgeliefert wäre. Er lehrte, dass die ursprünglichen Sprachen der Schrift nicht eine akademische Spielerei sind, sondern eine Schutzmauer gegen die Verfälschung des Evangeliums. Pierre Viret, der Schweizer Reformator und enge Mitarbeiter Calvins, der in der Waadt und im französischen Sprachraum wirkte, war bekannt für seine volkstümliche Predigtweise. Er predigte und schrieb auf Französisch, der Sprache des gemeinen Volkes in seinem Arbeitsgebiet. Viret verstand wie Calvin, dass das Wort Gottes in der Sprache des Volkes erklingen muss, wenn es das Volk erreichen soll. Seine Predigten waren so bekannt für ihre Verständlichkeit, dass die Menschen aus nah und fern kamen, um ihn zu hören. Viret ist ein Beispiel dafür, wie die reformierte Überzeugung von der Übersetzung der Schrift in die Praxis umgesetzt wurde. Der englische Märtyrer und Bibelübersetzer William Tyndale steht als kraftvoller Zeuge für den Preis, den die Übersetzung der Schrift für das Volk kostete. Als er 1536 bei Brüssel erdrosselt und sein Leib verbrannt wurde, waren seine letzten Worte ein Gebet: Herr, öffne die Augen des Königs von England. Tyndale gab sein Leben, damit der englische Pflugknabe mehr von der Schrift wissen konnte als der gelehrte Priester. Seine Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Englische wurde zur Grundlage der King-James-Version und prägte die englische Sprache nachhaltig. Calvins und Zwinglis Einsatz für die Volkssprache bereitete den Weg für Tyndales Werk.

Anwendung für das reformierte Leben

Erstens: Lass die Lehre von den Ursprungssprachen dich zu tiefer und beständiger Dankbarkeit für deine deutsche Bibel führen. Jedes Mal, wenn du sie öffnest, empfängst du die Frucht jahrhundertelanger Vorsehung und treuer Übersetzung. Die hebräischen Konsonanten wurden von jüdischen Schreibern, den Masoreten, mit äusserster Sorgfalt bewahrt – sie zählten jeden Buchstaben der Tora, um ihre genaue Überlieferung sicherzustellen. Die griechischen Handschriften wurden von Mönchen in Skriptorien im ganzen Byzantinischen Reich kopiert und wieder kopiert. Die deutsche Übersetzung war das Werk Martin Luthers, der auf der Wartburg im Verborgenen das Neue Testament in nur elf Wochen in ein Deutsch übersetzte, das die Sprache eines Volkes prägte und die deutsche Sprache vereinheitlichte. Nimm dieses Geschenk nicht als selbstverständlich hin. Wenn du deine Bibel aufschlägst, tu es mit einem Herzen voller Dank für die unzähligen Hände, die dir diese Worte gebracht haben. Zweitens: Wenn du auf eine schwierige Stelle in der Schrift stösst, verzweifle nicht. Die Väter selbst anerkannten in Abschnitt 7, dass nicht alle Dinge in der Schrift gleich klar sind – manche Stellen sind tiefer und erfordern sorgfältiges Studium. Aber sie bekräftigten auch, dass die Dinge, die zur Seligkeit notwendig sind, so klar dargelegt sind, dass selbst der Einfältige sie verstehen kann. Wenn eine Stelle dunkel erscheint, lass dich nicht entmutigen. Ziehe eine treue Übersetzung zu Rate, vergleiche sie mit anderen zuverlässigen Übersetzungen, suche die Hilfe von Lehrern und bitte vor allem um die Erleuchtung des Heiligen Geistes, der der oberste Ausleger seines eigenen Wortes ist. Die Schwierigkeit einiger Stellen untergräbt nicht die Klarheit derer, die für das Heil notwendig sind. Drittens: Pflege eine Ehrfurcht vor dem Wort Gottes, die sich bis auf seine einzelnen Worte erstreckt. Der grosse Puritaner John Owen schrieb, dass die Schrift nicht ein toter Buchstabe ist, sondern die lebendige Stimme Gottes. Wenn du die Worte des Paulus oder Petrus oder Johannes liest, liest du nicht die Meinungen alter religiöser Schriftsteller, so ehrwürdig sie auch sein mögen; du liest die Orakel des lebendigen Gottes, ausgehaucht vom Heiligen Geist, bewahrt durch die Vorsehung und übersetzt zu deiner Belehrung, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Lass diese Wahrheit dich mit heiliger Ehrfurcht erfüllen. Derselbe Gott, der das Universum durch sein Wort ins Dasein rief, hat zu dir in Worten gesprochen, die du verstehen kannst. Viertens: Unterstütze und bete für die Arbeit der Bibelübersetzung auf der ganzen Welt. Es gibt immer noch Tausende von Sprachgruppen, die die Schrift nicht in ihrer eigenen Sprache haben. Die Westminster-Väter bekräftigten, dass die Schrift in die Landessprache einer jeden Nation übersetzt werden soll, zu der sie kommt, und dieses Werk ist noch nicht vollendet. Wycliffe Bibelübersetzer und viele andere Organisationen arbeiten daran, das Wort Gottes zu den verbleibenden unerreichten Sprachgruppen zu bringen. Bitte für sie. Unterstütze sie, wenn du kannst. Derselbe Geist, der die Propheten und Apostel zum Schreiben bewegte, bewegt heute Übersetzer, das Wort bis an die Enden der Erde zu bringen. Fünftens: Wenn Streitigkeiten in der Gemeinde aufkommen, lerne, an die Schrift in ihrem ursprünglichen Sinn zu appellieren. Die Väter lehrten, dass die Kirche endgültig an die Ursprachen appellieren muss. Das bedeutet nicht, dass jeder Gläubige Hebräisch und Griechisch lernen muss – obwohl das Studium dieser Sprachen eine edle und nützliche Beschäftigung für die ist, die zum Lehren berufen sind. Aber es bedeutet, dass die letzte Autorität nicht der Ausspruch eines Kirchenrates ist, nicht die Tradition der Ältesten, nicht die Meinung eines Lehrers, und wäre er noch so gelehrt, sondern das Wort Gottes recht ausgelegt. Wenn jemand sagt: Die Kirche lehrt dies, oder: Die Tradition hält jenes, dann muss die Frage immer sein: Was sagt die Schrift? Sechstens: Lies deine Bibel erwartungsvoll, im Glauben, dass Gott durch sein Wort spricht und handelt. Dasselbe Versprechen, das Gott durch Jesaja seinem Volk gab, gilt auch dir: Jesaja 55,11 – »Mein Wort, das aus meinem Mund geht, soll nicht leer zurückkommen, sondern tun, was mir gefällt, und ausrichten, wozu ich es sende.« Das Wort, das zu dir in deiner Sprache kommt, trägt dieselbe Kraft wie das Wort, das zuerst durch die Propheten und Apostel gesprochen wurde. Es ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringt, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein. Öffne es im Glauben, und Gott wird dir in seinen Seiten begegnen.

Gebet

Du heiliger und barmherziger Gott, Vater des Lichts, von dem jede gute und vollkommene Gabe herabkommt, wir loben und preisen deinen heiligen Namen für das unaussprechliche Geschenk deines Wortes. Wir danken dir, dass du uns nicht in der Finsternis unserer eigenen Einbildungen umherirren liessest, sondern zu uns gesprochen hast durch die heiligen Propheten und Apostel in Worten, die durch deinen Geist eingegeben wurden – Worten, die rein sind wie Silber, im Tiegel geschmolzen, siebenmal geläutert. Wir danken dir, Herr, für deine besondere Fürsorge und Vorsehung, mit der du diese heiligen Schriften rein erhalten hast durch alle Zeitalter. Wir danken dir, dass die Feinde der Wahrheit dein Wort zu vernichten suchten, die Flammen der Verfolgung dagegen entzündet wurden, die List falscher Lehrer es zu verderben suchte – du es dennoch rein und ganz bewahrt hast, dass jedes Geschlecht deines Volkes einen gewissen und sicheren Grund für seinen Glauben habe. Wir danken dir für die Arbeit der treuen Übersetzer, die die Schrift in unsere Sprache gebracht haben. Wir danken dir für Martin Luther, der sein Leben dafür gab, dass wir die Bibel auf Deutsch lesen können. Wir danken dir für Zwingli und Bullinger, die die Schrift in die Sprache des Volkes brachten. Wir danken dir für Calvin, Beza und Viret, die das Wort in französischer Sprache verkündigten. Herr, gib, dass wir dieses Geschenk nie als selbstverständlich hinnehmen. Gib uns eine tiefe und bleibende Ehrfurcht vor deinem Wort. Hilf uns, es nicht als Menschenwort zu lesen, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Wort des lebendigen Gottes. Gib uns die Erleuchtung deines Heiligen Geistes, dass wir verstehen, was wir lesen, und es in unseren Herzen und Leben anwenden. Nimm von uns allen Stolz und Vorurteil, alle Stumpfheit und Zerstreuung, dass wir mit Sanftmut das eingepflanzte Wort aufnehmen mögen, das unsere Seelen retten kann. Wenn Streitigkeiten in der Gemeinde aufkommen, hilf uns, an dein Wort als die letzte Autorität zu appellieren. Wenn wir über schwierige Stellen ratlos sind, gib uns Geduld, die Schrift zu erforschen, und Weisheit, sie zu verstehen. Wenn wir kalt und gleichgültig werden, entzünde in unseren Herzen eine neue Liebe zu deiner Wahrheit. Wir bitten dich im Namen Christi, des lebendigen Wortes, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert, ein Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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