Andacht 4 von 171

Die Autorität der Schrift: Warum sie allein von Gott abhängt

Kap.1: Von der Heiligen Schrift — Abschnitt 4 • 2026-05-10 • 30 Min.

Das Bekenntnis

Die Autorität der Heiligen Schrift, um derentwillen sie geglaubt und gehorcht werden soll, hängt nicht ab von dem Zeugnis irgendeines Menschen oder einer Kirche, sondern ganz von Gott (der die Wahrheit selbst ist), ihrem Urheber; darum ist sie anzunehmen, weil sie Gottes Wort ist.
— Westminster Bekenntnis, Kapitel 1, Abschnitt 4

Einleitung: Wer entscheidet, was Gottes Wort ist?

In Abschnitt 1 sahen wir, dass die Schrift notwendig ist — das Licht der Natur kann nicht selig machen. In Abschnitt 2 sahen wir, welche Bücher die Schrift ausmachen — die sechsundsechzig Bücher des Kanons. In Abschnitt 3 sahen wir, dass die Apokryphen nicht dazugehören. Aber nun stehen wir vor der tiefsten Frage: Warum soll ich der Bibel glauben? Worauf gründet sich ihre Autorität? Stell dir vor, du stehst an einem klaren Wintertag auf dem Gipfel des Säntis. Die Sonne bricht über den Alpen hervor, und das Licht überflutet die Gipfel. Du siehst es mit eigenen Augen. Würdest du jetzt zur Seite treten und jemanden fragen: «Kann mir bitte jemand bestätigen, dass die Sonne scheint?» Natürlich nicht. Das Licht bezeugt sich selbst. Es braucht keine äußere Beglaubigung. Genau das lehrt das Westminster Bekenntnis über die Heilige Schrift. Ihre Autorität hängt nicht am Urteil der Kirche, sondern an ihrem Urheber: Gott selbst. Dieser eine Satz unterscheidet die Reformation von Rom, und er unterscheidet echten Glauben von bloßer menschlicher Überlieferung. Als Huldrych Zwingli im Januar 1523 vor dem Zürcher Rat stand, ging es genau um diese Frage. Der Bischof von Konstanz hatte Einspruch erhoben. Zwinglis Predigt von der Kanzel des Grossmünsters, seine Auslegung der Bibel ohne kirchliche Genehmigung, sei unerlaubt. Der Bischof schickte seinen Generalvikar Johannes Faber, der vor dem Rat erklärte: Für die Auslegung der Schrift brauche es die Kirche. Ohne kirchliches Lehramt führe das Wort ins Chaos. Faber sagte wörtlich, die Schrift sei «wie ein Wachs, das man biegen kann, wohin man will». Zwinglis Antwort war eine Wende in der Kirchengeschichte. Er antwortete: «Nein, die Schrift ist nicht wie Wachs. Sie ist klar. Sie legt sich selbst aus. Sie braucht keinen menschlichen Richter über sich, denn sie ist Gottes eigenes Wort.» Der Rat entschied für Zwingli. Zürich wurde reformiert. Aber das Entscheidende war nicht der Beschluss des Rates. Das Entscheidende war das Prinzip: Die Schrift trägt ihre Autorität in sich selbst. Das Westminster Bekenntnis formuliert vier Jahrzehnte nach Zwingli dieselbe Wahrheit mit dogmatischer Präzision. Es sagt nicht: «Wir glauben die Schrift, weil die Kirche sie uns gibt.» Es sagt: «Wir glauben die Schrift, weil Gott ihr Urheber ist.» Das ist kein feiner theologischer Unterschied. Es ist die Frage, ob dein Glaube auf einem Felsen oder auf Sand gebaut ist. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger am Zürcher Grossmünster, schrieb dreißig Jahre später im Zweiten Helvetischen Bekenntnis: «Wir glauben und bekennen, dass die kanonischen Schriften der heiligen Propheten und Apostel beider Testamente das wahre Wort Gottes sind und aus sich selbst, nicht aus den Menschen, genügende Autorität haben.» Bullinger fügt hinzu: «Denn Gott selbst hat zu den Vätern, den Propheten und den Aposteln geredet und redet noch immer zu uns durch die Heilige Schrift.» Diese Überzeugung durchzieht die ganze Reformation. Von Zwingli in Zürich zu Calvin in Genf, von Bullinger in Zürich zu Viret in Lausanne, von den Hugenotten in Frankreich zu den Puritanern in England. Die Schrift ist Gottes eigenes Wort. Ihre Autorität kommt von oben, nicht von unten. Der Westminster-Abschnitt, den wir heute betrachten, steht im Zentrum dieser reformierten Überzeugung. Er ist das Scharnier, an dem sich die gesamte Lehre von der Schrift bewegt. Wenn dieser Satz fällt, fällt alles. Wenn er steht, steht alles.

Die biblischen Grundlagen

Das Bekenntnis erhebt keinen spekulativen Anspruch. Es gründet sich auf das klare Zeugnis der Schrift selbst. Die Bibel spricht an vielen Stellen von ihrer eigenen Herkunft und Autorität. Schauen wir auf die wichtigsten Zeugnisse. Der Apostel Johannes schreibt in seinem ersten Brief: «Wenn wir der Menschen Zeugnis annehmen, so ist Gottes Zeugnis größer; denn das ist Gottes Zeugnis, dass er Zeugnis gegeben hat von seinem Sohn.» Johannes stellt einen einfachen, aber tiefgreifenden Vergleich an. Wir nehmen menschliches Zeugnis täglich an. Vor Gericht, im Geschichtsbuch, im Bericht eines vertrauten Freundes. Wenn menschliches Zeugnis für die gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens genügt, wie viel mehr genügt dann das Zeugnis Gottes selbst für die Angelegenheiten der Seele und der Ewigkeit? Das Bekenntnis zieht daraus den logischen Schluss: Wenn Gott spricht, trägt sein Wort seine eigene Autorität. Es braucht den Stempel der Kirche so wenig wie die Sonne eine Kerze braucht, um zu beweisen, dass sie scheint. Der Apostel Paulus lobt die Thessalonicher mit Worten, die das Herz des Abschnitts treffen: «Und darum danken auch wir Gott ohne Unterlass, dass ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt.» Beachte sorgfältig, was Paulus hier sagt. Er sagt nicht, dass seine Predigt durch die Annahme der Gemeinde zu Gottes Wort wurde. Er sagt, dass sie Gottes Wort ist, und die Thessalonicher haben sie als solche erkannt. Die Autorität war innewohnend, nicht verliehen. Das Wort ist Gottes Wort, bevor die Kirche es anerkennt. Die Anerkennung fügt nichts hinzu; sie empfängt nur, was schon da ist. Der Apostel Petrus schreibt: «Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.» Das griechische Wort, das Luther mit «um so fester» übersetzt, ist bebaioteron. Es bedeutet «feststehend, bestätigt, unerschütterlich». Und hier liegt etwas Erstaunliches. Petrus war auf dem Berg der Verklärung gewesen. Er hatte Christus in seiner Herrlichkeit gesehen. Er hatte die Stimme des Vaters vom Himmel gehört: «Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.» Petrus hatte eine unmittelbare, übernatürliche Erfahrung gemacht. Und doch sagt er: Das geschriebene prophetische Wort ist fester als selbst diese Erfahrung. Warum? Weil das geschriebene Wort objektiv ist. Es steht schwarz auf weiß. Es ist nachprüfbar. Es verändert sich nicht mit der Erinnerung oder der Stimmung. Die Erfahrung eines Augenblicks, so gewaltig sie sein mag, ist nicht der Maßstab der Wahrheit. Der Maßstab der Wahrheit ist das Wort, das Gott gesprochen und in der Schrift festgehalten hat. Petrus fährt fort: «Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.» Der Ursprung der Schrift ist nicht der menschliche Wille. Kein Prophet stand eines Morgens auf und dachte: «Ich werde heute eine Weissagung verfassen.» Nein, sie wurden vom Heiligen Geist getrieben. Das griechische Wort pheromenoi bedeutet wörtlich «getragen, bewegt». Wie ein Schiff vom Wind getragen wird, so wurden die Schreiber vom Geist getragen. Die Autorität der Schrift ist die Autorität des Geistes, der sie hervorbrachte. Paulus schreibt an Timotheus: «Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.» Das Wort «von Gott eingegeben» ist im Griechischen theopneustos. Es setzt sich zusammen aus theos, Gott, und pneustos, gehaucht. Die Schrift ist von Gott gehaucht. Sie ist Gottes Atem in menschlicher Sprache. Und weil sie Gottes Atem ist, trägt sie seine Autorität. Sie ist «nütze», das heißt brauchbar, wirksam, kraftvoll zu vier Dingen: zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung und zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Diese vier Wirkungen setzen Autorität voraus. Nur wer Autorität hat, kann lehren, zurechtweisen, bessern und erziehen. Im Titusbrief bezeugt Paulus denselben Charakter Gottes, der die Grundlage für die Autorität der Schrift bildet: «auf Hoffnung des ewigen Lebens, das Gott, der nicht lügt, verheißen hat vor den Zeiten der Welt.» Das griechische Wort apseudes bedeutet «der nicht lügen kann, der wahrhaftig ist». Gott kann nicht lügen, weil Lügen seinem Wesen widerspricht. Er ist die Wahrheit. Darum ist das Wort, das von ihm ausgeht, ebenfalls Wahrheit. Es gibt eine unzerreißbare Kette vom Charakter Gottes zur Autorität der Schrift. Du kannst die beiden nicht trennen. Die Schrift anzuzweifeln heißt, Gott selbst anzuzweifeln. Jesus selbst erklärt im Johannesevangelium: «Die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.» Das ist ein kurzer Satz, aber er enthält eine gewaltige Lehre. Jesus spricht von der Schrift als einer unauflöslichen Einheit göttlicher Autorität. Sie kann nicht gebrochen, nicht aufgelöst, nicht für ungültig erklärt werden. Der Sohn Gottes beugt sich unter die Autorität der Schrift. Wenn der Sohn Gottes das tut, wie viel mehr sollten wir es tun. Der Prophet Jesaja gibt uns ein Bild von der göttlichen Kraft des Wortes: «Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.» Das Wort Gottes kehrt nicht leer zurück. Es vollbringt, wozu Gott es sendet. Diese Verheißung gründet sich nicht auf die Zustimmung der Kirche. Sie gründet sich auf die souveräne Macht Gottes. Sein Wort trägt seine Kraft in sich selbst. Diese biblischen Zeugnisse zeigen ein einheitliches Bild. Die Schrift ist Gottes Wort. Sie ist von ihm eingegeben. Sie trägt seine Autorität. Sie kann nicht gebrochen werden. Sie kehrt nicht leer zurück. Und das alles gilt, bevor irgendein Mensch oder irgendeine Kirche sie anerkennt. Die Anerkennung fügt der Schrift nichts hinzu. Sie empfängt nur, was schon da ist.

Was die Westminster-Väter meinten

Die Westminster-Väter verfassten diesen Abschnitt im Angesicht einer doppelten Front. Sie standen gegen Rom und gegen die Schwärmer. Beide drohten, die Autorität der Schrift an eine Instanz außerhalb ihrer selbst zu binden. Der erste Gegner war die römisch-katholische Kirche. Das Konzil von Trient hatte 1546 erklärt, die Kirche sei die Richterin über den wahren Sinn und die Auslegung der Schrift. Der Kanon der biblischen Bücher sei durch die Entscheidung der Kirche festgelegt. Die Kirche stehe über der Schrift, weil sie den Kanon bestimmt habe. Daraus folgerte Rom: Die Autorität der Schrift hängt vom Urteil der Kirche ab. Die Westminster-Väter sahen darin einen katastrophalen Irrtum. Johannes Calvin nannte es eine boshafte Lüge. In der Institutio schreibt er: «Nichts kann widersinniger sein als die Fiktion, dass die Macht, über die Schrift zu urteilen, bei der Kirche liege und dass ihre Gewissheit von deren Nicken abhänge.» Calvin argumentiert, dass die Kirche auf dem Fundament der Apostel und Propheten gebaut ist. Wenn die Kirche das Fundament beurteilt, auf dem sie selbst gebaut ist, stellt sie sich über ihr eigenes Fundament. Das ist, als ob ein Haus behaupten würde, es bestimme, ob der Grund, auf dem es steht, tragfähig sei. Der zweite Gegner war subtiler, aber nicht weniger gefährlich: die Schwärmer und Enthusiasten. Sie behaupteten, eine unmittelbare Eingebung des Geistes zu haben, die über der Schrift stehe. Sie sagten: «Der Geist lehrt mich innerlich. Ich brauche die äußere Schrift nicht.» Die Westminster-Väter wiesen auch diesen Irrtum zurück. Der Geist und die Schrift sind nicht zwei konkurrierende Quellen der Wahrheit. Der Geist hat die Schrift eingegeben, und der Geist öffnet die Herzen, sie zu verstehen. Aber er gibt keine neuen Offenbarungen, die der Schrift widersprechen oder über sie hinausgehen. Die Schrift ist das vollständige und abschließende Zeugnis des Geistes. Robert Shaw erklärt in seiner Auslegung des Bekenntnisses den feinen Unterschied zwischen Abschnitt 4 und Abschnitt 5. In Abschnitt 4 geht es um das Zeugnis für die göttliche Autorität der Schrift. Dieses Zeugnis kommt allein von Gott. Kein Mensch und keine Kirche kann der Schrift Autorität verleihen. In Abschnitt 5 wird vom geschichtlichen Zeugnis der Kirche gesprochen. Die Kirche bezeugt, welche Bücher zum Kanon gehören und dass diese Bücher von den Aposteln und Propheten stammen. Aber dieses geschichtliche Zeugnis verleiht der Schrift keine Autorität. Es bestätigt nur die Echtheit der Urkunde. A. A. Hodge bringt die Sache auf den Punkt: «Rom macht die Schrift zu einem Werk des Geistes durch die Kirche. In Wirklichkeit ist die Kirche ein Werk des Geistes durch das Werkzeug des Wortes.» Die Kirche bringt nicht das Wort hervor. Das Wort bringt die Kirche hervor. Das ist die Umkehrung, die die Reformation vollzogen hat. Die Westminster-Väter standen auch gegen den Sozinianismus, der die Vernunft zur letzten Richterin über die Schrift machte. Die Sozinianer lehrten, nur das sei in der Schrift anzunehmen, was der menschlichen Vernunft einleuchte. Dagegen bekennen die Väter: Die Schrift ist anzunehmen, weil sie Gottes Wort ist, nicht weil sie unserer Vernunft einleuchtet. Die Autorität liegt nicht im Empfänger, sondern im Urheber. Noch eine Irrlehre musste abgewehrt werden: der Arminianismus auf dem Gebiet der Schriftautorität. Einige lehrten, die Schrift erlange ihre Autorität erst durch die gläubige Annahme des Einzelnen. Das Bekenntnis widerspricht: Die Autorität der Schrift ist objektiv. Sie besteht, auch wenn kein Mensch sie anerkennt. Die Sonne scheint, auch wenn alle Menschen die Augen schließen.

Theologische Tiefe

Die Väter der reformierten Kirche haben diesen Abschnitt mit großer Tiefe durchdacht. Ihre Einsichten sind keine trockene Schulgelehrsamkeit. Sie sind die Quelle lebendigen Glaubens. Johannes Calvin entfaltet in der Institutio die Lehre vom autopistos, dem Selbstbeglaubigungscharakter der Schrift. Das Wort bedeutet wörtlich: selbst überzeugend, aus sich selbst glaubwürdig. Calvin schreibt: «Die Schrift trägt auf ihrem Angesicht so klare Beweise ihrer Wahrheit, wie weiße und schwarze Dinge ihre Farbe, süße und bittere ihren Geschmack.» Die Schrift leuchtet durch ihre eigene Majestät. Ihre Erhabenheit, ihre himmlische Weisheit, die Einfachheit, verbunden mit unergründlicher Tiefe, die Kraft, die Herzen zu treffen und zu verwandeln, der Wohlklang der göttlichen Wahrheit: All das sind Strahlen der göttlichen Herrlichkeit, die aus der Schrift hervorleuchten. Calvin unterscheidet sorgfältig zwischen dem äußeren und dem inneren Zeugnis. Das äußere Zeugnis umfasst die geschichtlichen und vernünftigen Argumente. Dazu gehören die Erfüllung der Weissagungen, die Wunder, die das Wort begleiten, das Alter und die Bewahrung der Schrift, die Einheit der Lehre trotz vieler Schreiber über Jahrhunderte. Diese Argumente sind nützlich. Sie können dem Zweifler den Mund stopfen. Aber sie bringen noch keinen Glauben hervor. Dazu braucht es das innere Zeugnis des Heiligen Geistes. Das testiomonium internum Spiritus Sancti, das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, ist Calvins große Einsicht. Der Geist, der die Schrift eingegeben hat, bezeugt dem Herzen des Gläubigen, dass sie Gottes Wort ist. Es ist, als ob eine Stimme vom Himmel zu deinem Herzen spräche: «Dies ist mein Wort.» Calvin schreibt: «Denn wie Gott allein ein genügender Zeuge seiner selbst in seinem Wort ist, so wird auch das Wort nicht eher im Herzen der Menschen Glauben finden, bis es durch das innere Zeugnis des Geistes versiegelt wird.» Heinrich Bullinger entfaltet diese Lehre im Ersten Kapitel des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses. Das ganze Kapitel ist eine gewaltige Auslegung der reformierten Schriftlehre, ein Dokument, das in seiner Klarheit und Kraft dem Westminster Bekenntnis in nichts nachsteht. Bullinger schreibt: «Die kanonische Schrift ist das Wort Gottes und hat die vollkommenste Autorität. Deshalb sollen wir ihr geziemenden Glauben schenken, nicht um der Kirche willen, sondern vornehmlich darum, weil sie das Wort Gottes des Vaters ist und aus seinem Munde selbst den Vätern durch den Heiligen Geist ausgegangen ist.» Bullinger betont, dass die Predigt der Kirche unter der Schrift steht: «Die Predigt des Wortes Gottes ist Wort Gottes. Aber wenn heutzutage das Wort Gottes durch ordnungsgemäß berufene Prediger in der Kirche verkündigt wird, so glauben wir, dass Gottes Wort selbst verkündigt und von den Gläubigen aufgenommen wird. Doch ist ein Unterschied zwischen dem gepredigten und dem geschriebenen Wort: Dieses ist die Regel und Richtschnur, nach der alles beurteilt werden muss.» Hier ist die subtile Unterscheidung, die auch das Westminster Bekenntnis macht. Die Predigt ist Gottes Wort, wenn sie der Schrift gemäß ist. Aber die Schrift selbst ist die unfehlbare Richtschnur. Sie steht über aller Predigt und über aller Kirche. Huldrych Zwingli legte den Grund zu dieser Lehre in seiner Schrift «Von Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes». Kurz vor der ersten Zürcher Disputation geschrieben, ist sie das reformierte Manifest zur Schriftautorität. Zwingli argumentiert, dass die Klarheit der Schrift eine Eigenschaft ist, die aus ihrer göttlichen Herkunft fließt. Gott ist kein Gott der Verwirrung. Wenn er spricht, spricht er klar. Die vermeintliche Dunkelheit der Schrift liegt nicht in der Schrift selbst, sondern in der Blindheit des menschlichen Herzens. Zwingli schreibt: «Das Wort Gottes ist gewiss und kann nicht fehlen. Es ist hell und lässt das menschliche Gemüt nicht in der Finsternis irren. Es lehrt sich selbst. Es tut sich selbst auf. Es erleuchtet die Seele mit ganzem Heil und Gnade.» Das ist der Kern der reformierten Überzeugung. Die Schrift ist nicht auf menschliche Ausleger angewiesen, um verstanden zu werden. Sie legt sich selbst aus, durch sich selbst, für sich selbst. Das bedeutet nicht, dass Prediger und Lehrer überflüssig sind. Aber es bedeutet, dass kein Prediger und kein Lehrer über der Schrift steht. Jeder steht unter ihr. Thomas Watson, der englische Puritaner, gibt eine der einprägsamsten Illustrationen der gesamten Theologiegeschichte. Die Papisten, sagt er, führen den ersten Timotheusbrief an, wo die Kirche «ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit» genannt wird. Daraus schließen sie, die Schrift empfange ihre Autorität von der Kirche. Watson antwortet: «Die Verordnung des Königs wird an die Säule geheftet. Die Säule hält sie fest, damit alle sie lesen können. Aber die Verordnung empfängt ihre Autorität nicht von der Säule, sondern vom König. So hält die Kirche die Schrift fest, bewahrt sie und macht sie bekannt. Aber die Schrift empfängt ihre Autorität nicht von der Kirche, sondern von Gott.» Watson fährt fort: «Wenn das Wort Gottes nicht von der Kirche abhängt, dann ist es nicht wahr, dass die Kirche über der Schrift steht. Der Diener, der die Bibel auf das Lesepult legt, steht nicht über der Bibel. Die Kirche ist die Dienerin des Wortes, nicht seine Herrin. Sie ist die Magd, nicht die Königin.» Das sind klare Worte, die keinen Zweifel lassen, wo die Priorität liegt. A. A. Hodge vertieft diese Einsicht mit einer gründlichen Analyse der Beziehung zwischen Kirche und Schrift. In seinem Kommentar zum Westminster Bekenntnis schreibt er: «Die Kirche ist das Werk des Geistes, der durch das Wort als sein Werkzeug wirkt. Die Kirche hat den Kanon nicht gemacht. Sie hat ihn nur erkannt und bezeugt. Der Kanon wäre der Kanon, auch wenn es keine Kirche gäbe, die ihn bezeugt. Genauso wie die Gestirne am Himmel wären, was sie sind, auch wenn kein Astronom sie beobachtete.» Die Kirche entdeckt die Autorität der Schrift, sie erfindet sie nicht. Benjamin Breckinridge Warfield, der grosse Princeton-Theologe, bringt das Anliegen des Westminster Bekenntnisses auf eine präzise Formel: Die Lehre von der Autorität der Schrift gründet sich auf die Lehre von ihrer göttlichen Urheberschaft. Wenn Gott der Urheber der Schrift ist, dann trägt die Schrift seine Autorität in sich selbst. Alles hängt an diesem «Wenn». Ist die Schrift von Gott? Dann ist sie autoritativ, unabhängig von jeder menschlichen Anerkennung. Ist sie nicht von Gott, dann hilft ihr keine kirchliche Erklärung. Warfield argumentiert, dass die Frage der Schriftautorität letztlich eine Frage des Gottesglaubens ist. Wer an den lebendigen Gott glaubt, der spricht und dessen Wort nicht leer zurückkommt, wird die Schrift als dieses Wort erkennen. Wer diesen Gott leugnet, wird die Schrift für ein menschliches Buch halten, so gelehrt und tiefsinnig es auch sein mag. Die Frage ist nicht zuerst, ob die Bibel Gottes Wort ist. Die Frage ist zuerst, ob du an den Gott glaubst, der in der Bibel spricht. Pierre Viret, der Reformator von Lausanne, brachte diese Wahrheit dem einfachen Volk nahe. Viret war ein begnadeter Prediger und Volkserzieher. Er schrieb in seinem «Unterricht im christlichen Glauben»: «Das Wort Gottes ist wie ein Brief, den der König an seine Untertanen schickt. Der Bote, der den Brief überbringt, verleiht dem Brief keine Autorität. Die Autorität liegt im Siegel des Königs und in seiner Unterschrift. So verleihen die Prediger dem Wort keine Autorität. Sie überbringen nur den Brief des Königs.» Virets Bild trifft den Nagel auf den Kopf. Der Bote ist wichtig. Er überbringt den Brief. Aber die Autorität des Briefes hängt nicht von der Würdigkeit des Boten ab. Theodor Beza, Calvins Nachfolger in Genf, verteidigte die Schriftautorität gegen den Vorwurf, die Reformatoren würden einem «papierenen Papst» folgen. Beza antwortete: «Wir folgen keinem papierenen Papst. Wir folgen dem lebendigen Gott, der durch sein geschriebenes Wort zu uns spricht. Das geschriebene Wort ist nicht der Papst, sondern das Zepter des Königs.» Hier sehen wir, wie die Reformatoren den Vorwurf umdrehten. Rom wirft uns vor, wir ersetzten den Papst in Rom durch einen Papst aus Papier. Aber wir ersetzen keinen Papst. Wir haben überhaupt keinen Papst. Wir haben das Wort des Königs.

Anwendung für das reformierte Leben

Die Lehre von der Autorität der Schrift ist keine abstrakte Theologie. Sie betrifft dein tägliches Leben als Christ. Sie entscheidet, wie du die Bibel liest, wie du auf die Predigt hörst, wie du Entscheidungen triffst und wie du mit Zweifeln umgehst. Lass uns das an sechs konkreten Fragen prüfen. Erstens: Worauf gründet sich dein Vertrauen in die Schrift? Ist es das, was deine Eltern dir beigebracht haben, das Zeugnis deiner Kirche, die Überzeugungskraft deines Pfarrers? Das alles sind gute Dinge. Gott gebraucht Mittel. Aber wenn dein Glaube nur auf menschlichem Zeugnis ruht, wird er wanken, wenn menschliches Zeugnis versagt. Was geschieht mit deinem Glauben, wenn du auf einen Professor triffst, der die Bibel klug und überzeugend angreift? Was geschieht, wenn du in eine Krise gerätst und die Stimme deiner Eltern oder deines Pfarrers nicht mehr hörst? Thomas Watson sagt: «Wenn der Glaube einer Frau an ihren Mann nur daher kommt, dass andere ihn loben, und nicht daher, dass sie seine inneren Vorzüge kennt, so ist das eine schwache Liebe.» Dein Vertrauen in die Schrift muss tiefer gründen als auf dem Zeugnis anderer. Es muss auf dem inneren Zeugnis des Geistes gründen. Hast du je den Heiligen Geist gebeten, dir zu bezeugen, dass die Schrift Gottes Wort ist? Hast du darum gerungen, Gottes eigene Stimme in der Schrift zu hören? Zweitens: Wie liest du die Bibel? Liest du sie als ein besonderes Buch, ein großartiges Kunstwerk, eine Sammlung tiefer Weisheit oder liest du sie als das, was sie ist: das Wort des lebendigen Gottes? Der Unterschied liegt nicht im Text. Er liegt in deiner Haltung. Wenn du die Bibel wie jedes andere Buch liest, wirst du sie kritisieren, auswählen und nach deinem Geschmack beurteilen. Du wirst die Teile lesen, die dir gefallen, und die Teile überspringen, die dich herausfordern. Aber wenn du weißt, dass Gott selbst zu dir spricht, liest du mit Ehrfurcht. Calvin sagt: «Die Schrift verdient für uns dieselbe Ehrfurcht, die wir Gott selbst erweisen, weil sie allein von ihm ausgegangen ist und nichts Menschliches beigemischt ist.» Frag dich selbst: Habe ich heute Morgen die Bibel aufgeschlagen mit dem Bewusstsein: Jetzt spricht Gott zu mir? Drittens: Unterwirfst du dich der Schrift, auch wenn sie deinen Neigungen widerspricht? Die wahre Prüfung der Anerkennung der Schriftautorität ist nicht der Gehorsam, wenn wir zustimmen. Die wahre Prüfung ist der Gehorsam, wenn wir widersprechen möchten. Gibt es ein Gebot in der Schrift, das du vernachlässigst, weil es dir zu hart erscheint? Eine Lehre, die du in deinem Herzen ablehnst, weil sie deinem Verstand nicht einleuchtet? Eine Forderung, der du ausweichst, weil sie dir zu viel kostet? Zwingli wurde gefragt, warum er sich so eng an die Schrift halte. Seine Antwort: «Weil Gott geredet hat. Das genügt.» Genügt es auch dir? Viertens: Suchst du die Bestätigung für die Wahrheit der Schrift bei Menschen statt bei Gott? Es ist eine große Versuchung, nach Bestätigung zu hungern. Wir wollen, dass die Predigt unserem Pastor Lob einbringt. Wir wollen, dass unsere Kirche als «bibeltreu» anerkannt wird. Wir wollen, dass unsere Auslegung von angesehenen Theologen bestätigt wird. Das ist nicht falsch. Aber wenn unser Vertrauen auf diese menschliche Bestätigung gebaut ist, bauen wir auf Sand. Die Kirche in Europa schrumpft. Angesehene Theologen irren. Gemeinden fallen vom Glauben ab. Wenn dein Vertrauen in der Schrift auf dem Ansehen der Kirche ruht, was geschieht dann, wenn die Kirche untreu wird? Robert Shaw warnt: «Die Autorität der Schrift ruht auf dem Zeugnis Gottes. Sie ist sicher, unabhängig von allen Wechselfällen der menschlichen Meinung.» Fünftens: Hörst du auf die Schrift oder stellst du dich über sie? Das ist die Frage, die Adam und Eva im Garten gestellt wurde. Sie kannten Gottes Gebot. Die Schlange fragte: «Sollte Gott gesagt haben?» Und dann: «Ihr werdet keineswegs des Todes sterben.» Die Schlange stellte Evas Urteil über Gottes Wort. Und Eva fiel. Jedes Mal, wenn du die Schrift liest und denkst: «Das kann ich nicht akzeptieren», «Das verstehe ich nicht, also muss es falsch sein», «Das passt nicht in meine Zeit», dann tust du dasselbe. Du stellst dein Urteil über Gottes Urteil. A. A. Hodge schreibt: «Der Akt, die Schrift als unserem eigenen Urteil unterworfen zu behandeln, ist Rebellion gegen Gott, deren Wurzel im Sündenfall Adams liegt.» Sechstens: Hast du das innere Zeugnis des Heiligen Geistes erfahren? Calvin lehrt, dass dasselbe Wort, das auf der Seite steht, vom Geist in unser Herz geschrieben werden muss, bevor es Glauben weckt. Die äußeren Argumente für die Schrift sind gut. Sie können den Verstand überzeugen. Aber erst das innere Zeugnis des Geistes überführt das Herz. Bete um dieses Zeugnis. Bitte Gott, dir durch seinen Geist zu bezeugen, dass die Schrift sein Wort ist. Viret sagt: «Wer die Bibel liest ohne das innere Licht des Geistes, ist wie einer, der bei hellem Sonnenschein die Augen geschlossen hält.» Bitte den Geist, deine Augen zu öffnen.

Gebet

Herr, du Gott der Wahrheit, der du nicht lügen kannst. Du hast zu uns geredet durch dein heiliges Wort, durch die Propheten und Apostel, getrieben von deinem Heiligen Geist. Wir danken dir, dass du nicht geschwiegen hast in der Finsternis dieser Welt, sondern uns dein Licht gegeben hast, das da scheint, bis der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen. Wir bekennen dir, dass wir oft an deine Schrift herantreten, als wäre sie menschliche Literatur, und nicht die Stimme des lebendigen Gottes darin erkennen. Wir lesen sie flüchtig, wir wählen aus, was uns gefällt, wir stellen unser Urteil über dein Urteil. Vergib uns diese Vermessenheit. Sende deinen Heiligen Geist, der uns das innere Zeugnis gibt, dass dein Wort Wahrheit ist. Lass uns nicht bauen auf das Zeugnis von Menschen, so tröstlich es auch sein mag, sondern auf das Zeugnis, das du selbst deinem Wort gibst. Öffne unsere Augen, dass wir die Herrlichkeit deiner Wahrheit sehen. Öffne unsere Ohren, dass wir deine Stimme hören. Öffne unsere Herzen, dass wir dein Wort aufnehmen als das, was es in Wahrheit ist: dein eigenes Wort, das in uns wirkt, die wir glauben. Hilf uns, deinem Wort zu gehorchen, auch wenn es uns schwerfällt. Hilf uns, zu vertrauen, auch wenn wir nicht alles verstehen. Hilf uns, still zu sein vor dir und zu sprechen: Rede, Herr, dein Knecht hört. Wir bitten dich für unsere Kirche in der Schweiz, die einst unter Zwingli und Bullinger die Klarheit deines Wortes wiederentdeckt hat. Lass uns nicht abweichen von diesem festen Grund. Bewahre uns vor dem Irrtum, die Schrift unter menschliche Richter zu stellen. Lass dein Wort reichlich unter uns wohnen, in aller Weisheit. Durch Jesus Christus, dein ewiges Wort, der Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen. Amen.
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